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| Dr. Frauke Teegen, Psychotherapeutin,
Dozentin für klinische Psychologie Uni HH beschäftigt sich
mit der Erforschung und Therapie psychosomatischer Störungen
und Möglichkeiten der Selbsthilfe zur Förderung von Heilungsprozessen. |
Die Wechselwirkung von inneren Energiebildern
und Krankheiten
Krankheiten sind in den persönlichen inneren Bildern verankert. Der
kranke Mensch kann die Anpassungsleistung an die Veränderung seines
Umfeldes - seines Kontextes - nicht erbringen. In der Synergetik Therapie
wird die Anpassungsleistung direkt im Gehirn - in der zur äußeren
Realität in Wechselwirkung stehenden Innenwelt - realisiert und alte
Informationen synergetisch abgeändert.
Aus dem Klappentext:
Die Erkenntnisse der Biopsychologie und Psychoneuroimmunologie zeigen
uns deutlich, wie seelische und körperliche Regulationen zusammenspielen.
Sie geben uns Einblick in die Kommunikation zwischen Nerven-, Hormon-
und Immunsystem, in die Komplexität der «Intelligenz»
des Organismus, und sie zeigen, wie Körperprozesse auf unsere Gefühle,
Einstellungen und Lebenskonzepte mitreagieren.
Es sind vor allem lang andauernde Zustände von Hoffnungslosigkeit,
passives Verhalten und die Neigung, Konflikte zu meiden, die unsere Vitalität
schwächen. Eine seelische und zugleich körperliche Stabilisier-ung
erfahren wir dagegen, wenn sich unser Verständnis für Zusammen-hänge
entwickelt und das Vertrauen in den Wert der eigenen Person und in unsere
Handlungskraft wächst.
Diese Erkenntnisse weisen unserer Suche nach Möglichkeiten, Gesundheit
zu fördern und Krankheit zu bewältigen, eine klare Richtung.
Wir können sie in subjektive Erfahrungen verwandeln, wenn wir unsere
Vorstellungskraft nutzen und mit unserem Körpererleben Kontakt aufnehmen.
Gelingt es uns, die Entfremdung vom eigenen Körper zu überwinden,
erkennen wir Zusammenhänge zwischen Beschwerden, kindlichen Erwartungs-ängsten
und chronisch gewordenen Schutzhaltungen.
Mit der «Bildersprache des Körpers» können wir lernen,
die Art, wie wir uns selbst wahrnehmen und mit Streßfaktoren in
unserem Leben umgehen, zu verändern - und das heißt gesünder
zu werden.
Frau Dr. Teegen nimmt innere Bilder
der Patienten, die sie als deren körperliche Eigenwahrnehmung
definiert und fordert die Patienten auf, sie mit ihrer eigenen Vorstellungskraft
zu verbinden, um somit alle Nischen der psychophysischen Struktur
zu erkunden. Der innere Bildschirm des Bewußtseins empfängt
somit Be-deutungsmuster, die sich im Verlauf der emotionalen Lebens-geschichte
gebildet haben. Dies fördert das Verständnis für Krankheitszusammenhänge
und stärkt das Vertrauen des Patien-ten in ihre Kraft zur Selbstverwirklichung
und Anpassung an eine sich ständig wandelnde Umwelt.
Ihr Ansatz kommt der Vorgehensweise der Synergetik Therapie nahe,
da sie innere Informationen als Energiebilder abruft, sie jedoch unbearbeitet
läßt und „nur“ Schlußfolgerungen für
das künftige Verhalten ableitet. Die inneren Energiebilder werden
auch weiterhin wie Symptome behandelt, d.h. mental bekämpft.
Die tiefere Hintergrundaufdeckung dieser Energiebildstruktur wird
nicht erforscht, um somit die Prägungen durch Erlebnisse auf
der neuronalen Matrix aufzudecken und sie einer synergetischen Bildbe-arbeitung
zuzuführen. Dies würde direkt zu einer Selbstorganisation
der Informationsstruktur führen und gezielt Selbstheilung erzeugen,
die wiederum unabhängig von erst zu erlernenden in der Zukunft
liegenden Qualitäten und Haltungen ist.
Frau Dr. Teegen zeigt durch ihre Forschungsarbeit mit kranken Menschen
in beeindruckender Weise auf, das auch sog. unheilbare Krankheiten
ihre eigene individuelle Energiebildstruktur besitzen, die aus der
Biografie der Ereignisse des Patienten herzuleiten sind. In diesem
Punkt ist sie in Übereinstimmung mit den Forschungsergebnissen
aus der Synergetik Therapie, was wiederum nicht verwundert, da beide
Forschungsansätze ihre Ergebnisse aus der Praxis mit individuellen
kranken Menschen beziehen. Beide Vorgehensweisen setzen Informationen
aus der Innenwelt von kranken Menschen in Beziehung zu ihrer individuellen
Krankheit und bestätigen somit diese Wechselwirkungen.
Teegen plädiert für eine Verstärkung der Handlungskompetenz
des Menschen, die Synergetik Therapie praktiziert dies als Basis zur
nachträglichen Bearbeitung von abgespeicherten Erlebnissen. |
“Das
Risiko, krank zu werden, ist immer dann erhöht, wenn die vertraute
Lebensroutine einschneidend unterbrochen wird. Als Streßfaktoren
werden Ereignisse betrachtet, die im Leben eines Menschen bedeutsame Veränderungen
bewirken und eine Anpassung an die neue Situation erforderlich machen,
zum Beispiel der Verlust einer wichtigen Bezugsperson oder einer sinngebenden
Tätigkeit, Verschlechterungen der zwschen-menschlichen Kontakte,
Einsamkeit, nicht verwundene Kränk-ungen oder auch lang andauernder
Ärger. Thomas Holmes und Richard Rahe untersuchten in den siebziger
Jahren Zusammen-hänge zwischen Lebensveränderungen und dem Risiko,
krank zu werden. Sie entwickelten eine Skala zur Einschätzung sozialer
Belastungen, in der verschiedene Lebensereignisse nach dem Ausmaß,
in dem sie eine Neuanpassung verlangen, aufgelistet sind. Je bedeutsamer
ein Lebensereignis ist, um so mehr Zeit und Kraft braucht ein Mensch für
die Anpassung an die veränderten Gegebenheiten - und umso größer
ist das Risiko, daß er überfordert ist und erkrankt. Die Vorhersagekraft
der Skala für das Eintreten von Erkrankungen konnte in einer Reihe
von Forschungsarbeiten bestätigt werden. Ihren Ergebnissen zufolge
stellen Skalenwerte von 300 und mehr Punkten ein hohes, Werte zw. 200
und 300 Punkten ein mittleres und Werte zw. 150 und 200 Punkten ein geringes
Erkrankungsrisiko dar. Diese Werte geben eine allgemeine Orientierung.“
| Krankheit tritt demzufolge in einer
Lebenssituation auf, die den Menschen aus seinem individuellen Gleichgewicht
wirft. Krankheit ist somit verweigerte Lebensentwicklung.
Der kranke Mensch verweigert die persönliche evolutionäre
Entwicklung. Tief abgespeicherte Grunderfahrungen - z.B. aus der Erziehung
- bilden dabei den „Bodensatz“ unverarbeiteter Erlebnisse,
die aus dem Unterbewußtsein zusätzlich wirken. Soziale
Ereignisse bilden dabei häufig nur Auslöser für massive
persönliche Systemeinbrüche: der Mensch wird krank. Synergetik
Therapie deckt diese Gesamtzusammenhänge präzise auf und
verändert die relevante Informationsstruktur per Selbstorganisation.
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Was stärkt die Gesundheit?
In den letzten Jahren hat die Forschung nicht nur die
Aufklärung von Krankheitsprozessen erforscht, sondern sich auch der
Frage zugewandt, welche Einstellung und Verhaltensweisen Menschen unter
schwierigen Bedingungen gesund erhalten.
Die amerikanische Psychologin, Suzanne Kobasa, hat dies ausführlich
untersucht. Die Forscher untersuchten über mehrere Jahre Mitarbeiter
eines Industriekonzerns, der umfaßende Umstrukturierungen in den
Betrieben vornahm. Die Mitarbeiter waren lange Zeit starker Belastung
und starker Unsicherheit ausgesetzt. Wie erwartet erhöhte sich mit
dem Anstieg äußerer Belastungen fast zeitgleich die allgemeine
Krankheitsrate. Ein Teil der Mitarbeiter erkrankte, andere dagegen blieben
gesund. Zwischen diesen beiden Gruppen fanden die Forscher keine bedeutsamen
Unterschiede in Art und Ausmaß der Belastungs-faktoren, in Alter,
Bildungsniveau, Qualifikation, Status und ethische bzw. religiöser
Zugehörigkeit. Entscheidende Unterschiede zeigten sich jedoch in
ihrem Bewältigungsstil, im Selbstbild und im Lebenskonzept. Mitarbeiter
die häufig und schwerwiegend erkrankten, fühlten sich von den
Veränderungen bedroht und ihnen gegenüber machtlos. Sie hatten
Schwierigkeiten sich auf die neuen Anforderungen einzustellen und litten
unter der Ungewißheit der Situation. Sie hatten Angst um ihre Zukunft,
waren ärgerlich auf die Firma und fühlten sich betrogen, da
man sie unter anderen Voraussetzungen eingestellt hatte. Mitarbeiter die
gesund blieben, akzeptierten auch unerwartete Veränderun-gen als
Teil ihres Lebens und empfanden den Umstrukturierungs-prozess eher als
Herausforderung und Chance neue Erfahrun-gen zu sammeln. So konnten sie
auch Zeiten der Ungewißheit ohne größere Angst ertragen
und sich flexibel an neue Beding-ungen anpassen.
Kobasa prägte den Begriff „Widerstandsfähigkeit
oder Kraft“, der mit Krankheitsresistenz verbunden war.
Er wird durch drei Merkmale gekennzeichnet:
- Menschen mit starker Widerstandskraft haben
Verantwortung für sich selbst. Die Bezugsperson, ihre Arbeit und
gegenüber Werten und Zielen, die ihnen wichtig sind.
- Sie haben Vertrauen in die Wirksamkeit ihres
Handelns, das ihnen das Gefühl gibt Situationen in ihrem Umfeld
mitbeeinflussen zu können.
- Sie sind außerdem fähig, Veränderungen
als Herausforderung und Wachstumschance zu erleben.
Diese Menschen entwickeln einen Verhaltensstil, der es
ihnen erleichtert, sich Problemen realistisch und kompetent zuzuwenden.
Sie stellen sich Schwierigkeiten und Konflikten und versuchen aktiv ihre
Vorstellung zu verwirklichen. Sie fühlen sich mitverantwortlich für
diese Prozesse und ihr gelingen. Diese Haltung schützt sie davor,
sich als hilfloses Opfer bedrohlicher Umstände zu fühlen. Menschen
mit hohem Verantwortungsgefühl sind insgesamt auch neugieriger und
interessierter an anderen neuen Erfahrungen und Problemlösungen.
Durch ihr Engagement und Interesse fällt es ihnen leicht, sich selbst
wert zu schätzen und ihren Handlungen und ihrer Umwelt Bedeutung
zu geben. Da sie davon ausgehen, daß ihre Vorstellungen und ihr
Verhalten für den Verlauf der Ereignisse wichtig sind, wirken sie
darauf ein und üben so tatsächlich Einfluß aus. Dieser
aktive Lebensstil befähigt Menschen, hohen Streß in eine subjektiv
geringere Belastung zu verwandeln.
| In der Synergetik Therapie wird
diese Widerstandskraft direkt gefördert oder auch wieder ausgegraben.
Dort wo sie „gebrochen“ wurde, wird neu reagiert und so
die evulutionär vorhandenen Qualitäten wieder zurückgeholt
und neu trainiert. Es ist immer wichtig, bis auf die primäre
Informationsebene vorzudringen. Meist sind dies Kindheitsprägungen
- diese sind zu verändern! |
Menschen mit geringer Wiederstandkraft spüren eher
Entfremdung sich selbst und ihrer Umwelt gegenüber. Sie neigen dazu,
sich und andere Menschen langweilig und bedeutungslos zu finden. Ein Gefühl
der Sicherheit erleben sie überwiegend dann, wenn ihr Leben gleichförmig
und ohne Schwankungen verläuft. Durch Veränderungen fühlen
sie sich bedroht und unkontrollierbaren Kräften ausgeliefert. Ihnen
fehlt die Überzeugung, daß sie Einfluß nehmen und selbst
etwas bewirken können. Daher verhalten sie sich eher abwartend, passiv,
mißtrauisch und meiden die Auseinandersetzung mit anstehenden Problemen.
Suzanne Kobasa konnte mit psychologischen Profilen vor
dem Eintreten massiver Belastungen mit hoher Genauigkeit voraussagen,
welche Mitarbeiter erkranken und welche gesund bleiben.
Ihre Untersuchungen zeigten auch, daß sich vorhandene Krankheitsdispositionen,
z.B. eine Häufung von Arthritis oder Krebserkrankungen in der Ursprungsfamilie,
nur im Zusammenhang mit den passiven, problemmeidenden Bewältigungsstilen
durchsetzen.
Kobasa fand auch heraus, daß Streßtoleranz und Krankheitsresistenz
umso höher sind, je mehr Hilfsquellen einem Menschen zur Verfügung
stehen: Angemessene körperliche Bewegung, bewußte Ernährung
und gute soziale Unterstützung. Sie verstärken die Schutzwirkung
des aktiven Bewältigungsspie-les. Ohne diese seelische Grundhaltung
sind sie jedoch nur von geringer Bedeutung, da sie die grundlegenden Gefühle
von Unsicherheit und Angst nicht direkt verändern. Andere Forscher
bestätigten diese Zusammenhänge (O`Leary 1985; Wiebe & Moehle-McCallum
1986).
Die Stärkung seelischer Wiederstandskraft mit den Aspekten, Verantwortungsgefühl
und Vertrauen in die Wirksamkeit des eigenen Handelns bzw. Herausforderung,
ist auch für Genesungsprozesse und die Bewältigung chronischer
Krankheiten von großer Bedeutung (Beuteln 1988 und Schwarzer 1990).
Bei sehr schweren Erkrankungen wurden auch positive Zusammenhänge
mit der Überlebensdauer beobachtet (Solomon 1987). Der israelische
Medizinsoziologe Aaron Antonovsky (1987) beschreibt ähnliche seelische
Haltungen die Menschen befähigen, Belastungen zu verarbeiten. Kohärenzsinn,
Verständ-nis für Zusammenhänge, nennt er Einstellungen,
die mit Wohlbefinden, Krankheitsresistenz und -bewältigung verbunden
sind.
Wichtige Merkmale sind:
Das Vertrauen aus eigener Kraft und mit der Unterstützung
anderer, Lebensaufgaben meistern zu können und die Freude am Leben
und die Überzeugung, daß das Leben Sinn hat.
Selbstbestimmung und Kompetenz im Umgang mit Belastungen
erwirbt man nach einer Untersuchung an der Uni Hamburg (Denecke 1987)
in der Auseinandersetzung mit Lebenskrisen. Sie befragten körperlich
und seelische gesunde Menschen im Vergleich zu Kranken. Die Gesunden hatten
in ihrer Kinderheit überwiegend keine günstigen Bedingungen
erlebt und unterschieden sich in dieser Hinsicht nicht von den Kranken.
Im Verlauf ihres Lebens hatten sie im Mittel drei schwere Krisen durchlebt.
Sie strebten jedoch deutlich stärker nach Selbst-bestimmung, Eigenverantwortlichkeit
und Unabhängigkeit und ließen ein grundlegendes Vertrauen darauf
erkennen, daß es trotz persönlicher Not immer noch Rettungsmöglichkeiten
und Hoffnung gibt. Lebenskrisen bewältigten sie vor allem, indem
sie sich auf eigene Fähigkeiten besannen, selbstbestimmende Aktivitäten
entfalteten, sich den Herausforderungen stellten und sich auf eine hoffnungsvolle
Grundeinstellung stützen („Ich spüre immer noch eine letzte
Kraft in mir, auf die ich vertrauen kann, wenn es mir schlecht geht“).
Diese zuversichtliche Einstellung wurde immer wieder dadurch gestärkt,
daß sie die Effekte ihres aktiven und selbstbestimmten Handelns
als positiv erlebten. Ihre Fähigkeit, sich flexibel an veränderte
Gegebenheiten anzupassen wurde auch dadurch begünstigt, daß
sie sich seit ihrer Kindheit eine echte Neugier auf unbekannte Situationen
und Menschen bewahrt hatten und das sie keine zu engen (symbiotischen)
Beziehungen eingingen, ohne jedoch bindungslos oder -unfähig zu sein.
In der Synergetik Therapie können Lebenskrisen
als persönliche Herausforderung direkt als selbstbestimmte Aktivität
bearbeitet werden. Die Auswirkungen sind direkt erlebbar. Die Rückverbindung
- „religio“ - zu starken Kräften wird als sehr bereichernd
erlebt.
Frauke Teegen berichtet von einem vierzigjährigen
Mann mit einer aplastischen Anämie, die in eine Leukämie überzugehen
drohte. Seine blutbildenden Zellen im Knochenmark bildeten nicht genügend
Blutkörperchen. Eine Ärztin im Krankenhaus sprach mit ihm auch
über seine Ängste und machte ihn sehr eindringlich darauf aufmerksam,
daß er sich allen Entscheidungen der Ärzte gegenüber völlig
passiv verhielt. Sie wies ihn daraufhin, daß es auch an ihm selbst
läge, den Mut zum weiterleben aufzubringen. Nach diesem Gespräch
lag der Patient in der Nacht noch lange wach, „Es kommt auch auf
mich an“, ging es ihm immer wieder durch den Kopf. Schließlich
rang er sich innerlich zu einer Entscheidung durch: „Ich will leben!“
Am nächsten Morgen wurde eine positive Veränderung seiner Blutwerte
festgestellt. Die Ärztin war überrascht über die Wirkung
ihres Gespräches, die Kollegen meinten es sei ein Laborfehler. Eine
zweite Untersuchung bestätigte das positive Ergebnis. So wußte
die Ärztin, daß der Patient begonnen hatte den Mut zum weiterleben
aufzubringen und das die positiven Blutwerte ein erstes Zeichen für
diesen Lebenswillen waren. Für den Patienten begann mit dieser Erfahrung
ein langer und schwieriger Lernprozeß, der schließlich zu
seiner Genesung führte.
Er entdeckte Zusammenhänge zwischen seelischen Haltungen
und Körperprozessen und begann allmählich, die Entfremdung von
seinem Körper und ein grundlegendes Gefühl der Hilflosigkeit
zu erkennen und zu überwinden. Rückblickend sagte er: „Im
Laufe der Jahre hatte ich viele Signale meines Körpers und meiner
Seele verdrängt. Ich hatte ein Verhältnis zu meinem Körper
wie zu einem Gegner. Das allmähliche wahrnehmen meiner Gefühle,
daß sich entwickelnde starke Gefühl für mich selber, war
die Voraussetzung dafür, das Zusammenbrechen meines Körpers
als Folge meines Lebens zu begreifen. Wie konnte ich lieb zu meinen Organen,
meinem Knochenmark sein, wenn ich sie wie Gegner und nicht wie Verbündete
behandelte? Das Zentrum meines Lebens, das Blut, war nur zu heilen, indem
ich mein Leben heilte. Dazu reichte keine Methode und keine Willensanstren-gung.
Dazu mußte ich erst durch alle Tiefen gehen, mich selbst und meine
Grenzen kennenlernen. Das wichtigste bei diesem Prozeß war wohl:
Herauszufinden, wie ich im Zusammenhang mit meiner Krankheit, mit Krisen
fühle, denke und handle. Mein zentrales Lebensgefühl, insbesondere
in den Jahren meiner Krisen und Zusammenbrüche ist das der Ohnmacht
und Handlungsunfähigkeit gewesen. Und ich vermute das meine zunehmende
Gesundung mit der Überwindung meiner Ohnmachtsgefühle und der
Entwicklung meiner Handlungsfähig-keit zusammenhängt. Ich habe
begonnen zu verstehen, daß ich mich meinen Ängsten stellen
muß, wenn ich leben will.“
| Synergetik Therapie stellt eine direkte Methode
dar, gezielt in der Innenwelt alle Ängste aufzudecken, durch
alle „Tiefen“ zu gehen und sich seine Handlungsfähigkeit
wieder zurückzuholen. Dieser Prozeß ist von keinen äußeren
Faktoren abhängig, da in der Innenwelt alle Informationen vorhanden
sind: das Gehirn als Spiegel der Welt. |
Der Verhaltenstherapeut Albert Bandura (1985) führte
ein Angstbewältigungstraining mit Frauen durch, die an einer massiven
Spinnenphobie litten. Parallel zu den Trainingsschritten maß er
die Ausschüttung von Streßhormonen im Blut. Zu Beginn des Trainings
stieg die Hormonausschüttung schon bei der Vorstellung einer Spinne
stark an, zum Schluß des Trainings blieb die Hormonausschüttung
normal, auch wenn die Spinne im direkten Körperkontakt über
den Körper krabbelte. Die Ausschüttung von Streßhormonen
stand im direkten Zusammen-hang, damit wie die Frauen ihre eigene Kompetenz
einschätzten. In dem Ausmaß, indem sich die Frauen zutrauten
die Übung durchzuführen, normalisierte sich der Hormonspiegel.
Mit dem wachsenden Gefühl von Kontrolle und
Wirklichkeit des eigenen Handelns in schwierigen Situationen, vermindern
sich also Gefühle der Gefährdung und Hilflosigkeit und zugleich
physiologische Erregungsparameter.
Für Menschen mit Ängsten ist es allerdings nicht
ausreichend den Auslöser zu desensibilisieren, sondern die lebensgeschichtlichen
Wurzeln der Angst zu erkennen. Die Spinne symbolisiert oft unangenehme
Berührungserfahrungen und die Erinnerung, von einer übermächtigen
Bezugsperson beherrscht, seelisch eingesponnen und verschlungen zu werden.
Viele Menschen erleben in ihrer Kindheit eine lieblose Behandlung oder
seelische oder körperliche Gewalt. Kinder passen sich an diese Bedingungen
an, indem sie eine feine Sensibilität für Gefahrensignale entwickeln,
die ihnen hilft, bedrohliche Situationen frühzeitig zu erkennen und
zu meiden. Wenn sie der gefährlichen Situation nicht entgehen können,
versuchen sie die Wahrnehmung von Schmerz und Verletzung auszublenden
und sich an einen geheimen Ort tief in sich selbst zurückzuziehen.
Wird das Vermeiden feindlicher Gefahren chronisch, dann enthalten für
sie viele Situationen die anderen Menschen neutral, unbelastet oder interessant
erscheinen, weiterhin unterschwellig Signale, die Bedrohung und Machtlosigkeit
anzeigen. Die Tendenz auf Schwierigkeiten ängstlich, hilflos, passiv
und mit körperlichen Beschwerden zu reagieren, wird also markant
im Kindes- und Jugendalter vorgeformt. Kinder, deren Bedürfnisse
von den wichtigsten Bezugspersonen fürsorglich, sicher, feinfühlig
und zuverlässig, beantwortet werden, entwickeln ein grundlegendes
Vertrauen in ihre Fähigkeit, die Umwelt zu erkunden und Versagungen
und Konflikte zu regeln.
| In der Synergetik Therapie werden diese „geheimen
Rück-zugsorte“ direkt aufgesucht und das innere Kind“
gestärkt. Primäre Erfahrungen mit den wichtigen Bezugspersonen
„Eltern“ lassen sich in den Einzelsitzungen gezielt verändern
und somit Prägungen von Erziehungsstrukturen aufheben. |
Kulturvergleichende Untersuchungen (Seiffke-Krenke 1989)
zeigten, daß sich ungünstige Haltungen, die die Widerstandskraft
unter Belastungen schwächen, in einer bestimmten Atmosphäre
bilden und verfestigen. Familien, in denen Jugendliche ein ausweichendes
und problemmeidendes Verhalten zeigten, waren einheitlich gekennzeichnet
durch einen hohen Anteil konfliktträchtiger Interaktionen, wenig
Nähe und Verbundenheit zwischen den Familienmitgliedern, geringe
Möglichkeiten Gefühle auszudrücken, und - vor allem in
den skandinavischen Ländern in Deutschland - ein hohes Maß
an Kontrolle und Entwertung von Individualität.
Das Zusammenspiel seelischem Erleben und körperlicher
Prozesse
Betrachten wir nun die Beziehung zwischen seelischem Erleben
und körperlichen Prozessen genauer. (Ader 91; Birbaumer & Schmidt
90; Degen 91; Lazarus & Folkmann 84; Le Doux 88; MacLean 76; Miketta
91; Pelletier & Herzing 88; Pert 86; Vincent 90; Walschburger 90)
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Eine wichtige Voraussetzung für Gesundheit und Wohlbefinden
wird durch das störungsfreie Zusammenspiel der verschiedenen körperlichen
Regulationen geschaffen. Mit Hilfe eines komplexen Netzwerks biologischer
Signale und Kreisprozesse wird immer wieder ein Gleichgewichtszustand
angestrebt und neu einreguliert. Die bioelektrischen und biochemischen
Kommunikations-muster des Körpers stehen im Zusammenhang mit sensorischen
Informationen, die wir aus der Umwelt und dem Körperinneren erhalten,
und sie vermitteln auch unsere psychophysiologische Antwort auf spezifische
Situationen. Informationen, die wir durch Sinnes- und Bewegungsorgane
empfangen, gewinnen erst im Vergleich mit einem Grundgefühl körperlicher
Homöostase, mit Lebenserfahrungen und Erwartungsmustern Bedeutung.
Sensorische Reize werden zu modalitätsspezifischen und multimodalen
Feldern der Großhirnrinde geleitet und dort im Kontext der Erinnerungsspuren
analysiert. Dann erst dringen sie ins Bewußtsein. Gleichzeitig werden
sie auch zm Hypothalamus und - auf einer schnellen Bahn - zum Limbischen
System projiziert.
Das Limbische System ist ein entwicklungsgeschichtlich alter Teil des
Gehirns und ein funktionales Zentrum, das sich mit der emotionalen Tönung
von Wahrnehmungen und der Regelung vegetativer Funktionen befaßt.
Werden Teile des Limbischen Systems oder seine Verbindungen zum Kontex
gestört, so wird der Betroffene von dem Bewußtsein für
seine Gefühle und seine persönliche Identität abgeschnitten.
Er verliert dann auch die Fähigkeit, Zukunftsvorstellungen zu bilden
und sich in andere hineinzuversetzen, und entwickelt eine Art Seelenblindheit.
Im Limbischen System werden Sinnesreize schnell und sehr global auf ihre
emotionale Bedeutung hin abgetastet. Damit gewinnen wir Menschen ein unmittelbares
Gespür für die jeweilige Situationen. Auf die globale Gefühsltönung
werden auch die vegetativen Funktionen eingeregelt. (Abbildung).
Die emotionale Bewertung sensorischer Botschaften erfolgt
zeitlich vor der genauen kortikalen Analyse und - vor allem bei starken
Affekten - nicht im Austausch mit der bewußten Verarbeitung. Der
„Kurzschluß“ zum Limbischen System erklärt, warum
Gefühl und Verstand manchmal so unterschiedlicher Meinung sind. Der
Vorteil dieses „Gefühlskurzschlusses“ - so der Neurologe
Joseph Le Doux - liegt in den Sekundenbruchteilen, die das Gehirn durch
präkognitive Bewertungen gewinnt. Elementare Gefühle wie Angst
und Wut können so unbewußt vom bewußten Verstand, das
Verhalten in Notsituationen bestimmen.
Der „Kurzschluß“ zum Limbischen System erklärt
auch, warum Menschen manchmal mit spontanen Affektausbrüchen auf
Situationen reagieren, die ihn vom Verstand her harmlos und unwichtig
erscheinen: Die sensorischen Informationen enthielten einen Reiz, der
in den Arsenalen der Erinnerung als bedrohliches Signal eingeschrieben
ist.
| In der Synergetik Therapie geht es genau
um diese „Reizmuster“. Sie werden durch die freilaufenden
Innen-weltprozesse automatisch aufgeschlüsselt und verändert. |
Die zeitliche Verzögerung zwischen der globalen emotionalen
Bewertung der Situation und genauerer kognitiver Analyse erklärt,
warum es so schwer ist unangemessene Angstreaktionen zu überwinden.
Das Meiden vermeintlicher Gefahren trägt nicht zur Differenzierung
erlernter Gefühlsassoziationen bei. Spontan fühlen wir uns zwar
erleichtert und entspannter, wenn wir einer erwarteten Bedrohung ausweichen,
doch die vegetativ empfundene Verspannung verfestigt unsere Vorannahmen
und wird uns bei der nächsten kritischen Situation verstärkt
hemmen, diese realistisch zu überprüfen. Intellektuelle Einsicht
allein reicht nicht aus, um erlernte Erwartungsängste zu überwinden.
| Frau Teegen meint weiter, daß
übertriebene Angstreaktionen nur dann überwindet werden,
wenn wir uns den kritischen Situationen - in der Umwelt oder mit Hilfe
der Vorstellung - freiwillig aussetzen und sie unter der erhöhten
Erregung erkunden und neu bewerten lernen. Diese Sichtweise entspricht
der Verhaltenstherapie und bewirkt nur Desensibilisierung und nicht
der Auflösung der Muster. Dies geschieht nur mit der Synergetik
Therapie. |
Bedrohungen können unterschiedliche Gefühle und Körperreaktionen
auslösen. Im allgemeinen werden die Körperprozesse zunächst
auf ein erhöhtes Aktivierungsniveau eingestellt, das uns hilft der
Gefahr mit Kampf oder Flucht zu begegnen. Das Limbische System löst
die körperliche Aktivierung über Hypothalamus und Hypophyse
mit Hilfe spezifischer Signalstoffe aus. Im Gehirn übertragen sie
neuronale Erregung, im Körper wirken sie über die Blutbahn als
Hormone. Von besonderer Bedeutung für die Auslösung und Aufrechterhaltung
der körperlichen Alarmreaktion sind die von den Nebennieren ausgeschiedenen
Streßhormone. Adrenalin und Noradrenalin bewirken unter anderem
eine Beschleunigung des Herzschlags, die verstärkte Zufuhr von Blut
und Sauerstoff zu den Muskeln, eine Verengung der Gefäße in
der Haut; sie lassen das Blut schneller gerinnen und mobilisieren Zuckerreserven
in der Leber. Dadurch erhöht der Körper das Energie- und Leistungsniveau
vor allem der Muskulatur und trifft Vorsorge gegen mögliche Blutverluste
bei Verletzungen. Diese vegetativen Prozesse spüren wir als Empfindungen
und bringen sie mimisch und gestisch zum Ausdruck.
Nutzen wir die bereitgestellte Energie zur Streßbewältigung,
entäußern wir sie in Handlungen, körperlicher Bewegung,
dem Ausagieren der Emotionen, so kehren wir anschließend seelisch
und körperlich zu einem Gleichgewicht zurück, und die verbrauchte
Energie wird (über die Aktivierung des parasympathischen Nervensystems)
wiederhergestellt. Wenn wir die Erregungszeichen hingegen ignorieren,
Handlungs- und Ausdrucksimpulse durch Muskelverspannungen unterbinden
oder die Belastung mit vertrauten Strategien nicht bewältigen, kann
das Aktivierungsniveau chronisch erhöht bleiben. Langfristig führt
ein erhöhtes Aktivierungsniveau zur Dysregulation vegetativer Funktionen,
zur Erschöpfung der Körperreserven und Schädigung von Organstrukturen.
Ein chronisch erhöhtes Erregungsniveau wird häufig bei psychosomatischen
Erkrankungen beobachtet.
Die erhöhte Aktivierung wirkt auf die zentralen Strukturen zurück
und bewirkt Gegenregulationen. Das Nebennierenhormon Cortisol dämpft
die Erregung, so daß die Energiereserven des Körpers nicht
restlos ausgeschöpft werden können. Cortisol wird immer dann
in erhöhtem Maße freigesetzt, wenn wir subjektiv den Eindruck
haben, daß unsere Handlungen unwirksam sein werden. Ein chronisch
erhöhter Cortisolspiegel korrespondiert mit Gefühlen der Hilflosigkeit,
Depression, Resignation, schwächt die Immunabwehr und erhöht
das Erkrankungsrisiko erheblich. In einem solchen Zustand kann jede Möglichkeit
zu handeln - selbst wenn die Handllung gewalttätig ist oder nicht
direkt auf die Belastung einwirkt - Erleichterung bringen und den Cortisolspiegel
senken.
Diese psychophysiologischen Prozesse sind sehr vereinfacht beschrieben.
Eine direkte Gleichsetzung von Gefühlszuständen mit spezifischen
Hormonen allerdings wird den differenzierten biologischen Antworten nicht
gerecht. Lebewesen reagieren immer auf der Grundlage ihrer Gesamtverfassung
mit hochkomplexen Mustern.
Insgesamt zeigen die sozialwissenschaftlichen
und verhaltensbiologischen Forschungen, daß sich intensive und lang
andauernde emotionale Zustände von Verwirrung, Angst, Ärger
und Hoffnungslosigkeit störend auf die psychophysiologischen Regulationen
auswirken und seelische und körperliche Störungen begünstigen.
Es ist wichtig, diese Zustände wahrzunehmen und, selbst unter einer
solchen Belastung, Handlungskompetenz und Vertrauen in die eigene Stärke
zu entwickeln. (Die Verhaltensmedizin bietet wirksame Trainingsprogramme
zur Förderung dieser Fähigkeiten an).
Wesentlich wichtiger ist, nachzuschauen woher
diese Zustände kommen und diese an der Wurzel abzuändern:
die neoronalen Verbindungen im Gehirn durch einen Selbstorganisationsprozeß
aufzulösen. Dann ensteht Handlungskompetenz und Vertrauen in
die eigene Stärke von selbst. Dies geschieht sehr spielerisch
und auch sehr intensiv in den Einzelsitzungen der Synergetik Therapie.
Daher können direkt Hintergründe von Krankheiten gezielt
aufgearbeitet werden. Spontanremissionen können so gezielt herbeigeführt
werden.
Neuorientierung ohne Verarbeitung der Vergangenheit - also der gegenwärtig
abgespeicherten Informationen über die Vergangenheit - ist nahezu
nie ausreichend. Daher geschehen Spontanremissionen so selten von
selbst! |
Wie wichtig eine positive Neuorientierung für die
Bewältigung von Krisen und Krankheiten ist, unterstreicht eine Untersuchung
von Elmer und Alyce Green (1978). Sie analysierten vierhundert Fallstudien
von Krebskranken, bei denen eine sogenannte Spontanremission eingetreten
war, daß heißt ein Heilungsprozeß, der nicht durch die
medizinische Behandlung erklärt werden konnte. Die Forscher kamen
zu dem Schluß, daß der einzige gemeinsame Faktor bei
all diesen ungewöhnlichen Fällen in der veränderten Haltung
der Patienten zu ihrer Krankheit lag. Die Patienten hatten eine neue Einstellung
zum Leben gefunden, die ihnen half, Depression und Hoffnungslosigkeit
zu überwinden.
An die Stelle passiven Erleidens waren positive Gefühle
wie Vertrauen und Zuversicht und ein fester Glaube an die Heilung getreten.
Wie wir heute vor allem durch Erkenntnisse der Psychoneuroimmunologie
wissen, wirken sich diese seelischen Haltungen günstig auf die vegetativen
Prozesse, das hormonelle Gleichgewicht und den Immunstatus aus.
Belastungen, Krankheiten und Krisen führen uns in Grenzsituatinen,
in denen wir zu starre und einseitige Annahmen über die Welt zu spüren
beginnen und aufgeben können. Im allgemeinen sind wir erst dann bereit,
unsere Annahmen und Erwartungen zu überprüfen, wenn vertraute
Handlungskonzepte nicht mehr den gewünschten Effekt haben oder uns
schaden. In solchen Krisen können wir - wenn wir einmal innehalten
und zur Ruhe kommen - entdecken, daß wir körperlich und seelisch
nicht auf eine objektive Wirklichkeit reagieren, sondern immer nur auf
ein subjektives Bild der Welt. Dieses Bild haben wir in inneren Landkarten
- psychophysiologischen Mustern - niedergelegt. Die inneren Landkarten
zeichnen wir im Kontext unserer Lebensgeschichte entsprechend den Bedeutungen,
die wir unseren Erfahrungen geben. Gebiete, die wir als Kind unter großer
Bedrohung durchschritten haben, sind daher als gefährdend markiert
und abgegrenzt worden.
Wegweiser in dieser inneren Landschaft, Gefühle, die bestimmte Verhaltensweisen
hervorrufen, müssen immer wieder auf ihre Angemessenheit überprüft
werden. ...Die Erkundung psychophysiologischer Bedeutungsmuster und die
Neuordnung innerer Bilder sind nur im Kontakt mit dem Körperempfinden,
der Vorstellungskraft und der bewußten Analyse von Zusammenhängen
möglich.
Bildliches Denken
Zu Beginn unseres Lebens strukturieren wir unsere sensomotorischen Erfahrungen
intuitiv und metaphorisch. Wir entfalten zunächst ein vorlogisches
bildliches Denken, das die Fülle der sinnlichen Eindrücke zu
Mustern verdichtet. Das integrative, bildliche Denken äußert
sich überwiegend nonverbal; es verfügt nur über eine sehr
begrenzte archaische Sprache. Im Laufe der Sprachentwicklung wird es durch
analytische, logische Fähigkeiten ergänzt. Dieser Denkmodus
arbeitet mit linearen Strategien und erschließt uns die Möglichkeit
zu abstrakter Begriffsbildung, schlußfolgerndem Denken und grammatischen
Operationen; er führt uns zur Verallgemeinerung von Erfahrungen und
zur Formulierung von Prinzipien und Direktiven. Über den bildlichen
Denkmodus sind wir jedoch weiterhin im Kontakt mit der Fülle sinnlicher
Erfahrungen, mit Gefühlen, Körperempfindungen und vorsprachlichen
Erinnerungen. Die besonderen Fähigkeiten des bildlichen und des logischen
Denkens stehen in Verbindung mit den beiden Großhirnhemisphären,
die sich für diese unterschiedlichen Aufgaben gewöhnlich im
Laufe der ersten zehn Lebensjahre differenzieren. Die Hemisphärendifferenzierung
- und damit die Trennung zwischen analytischer und integrativer Verarbeitung
der Erfahrungen - bei Männern ausgeprägter ist als bei Frauen
(Ornstein & Thompson 1986).
Die beiden Denkmodelle bereichern einander und arbeiten im allgemeinen
zusammen. Wird der bildhafte Denkmodus chronisch gehemmt - zum Beispiel
zur Kontrolle angstbesetzter Empfindungen -, so verliert ein Mensch den
Kontakt mit einer inneren Quelle, aus der Lösungen für Probleme
logischer wie emotionaler Art angeboten werden. Die unterdrückten
unterschwelligen Empfindungen und vorlogischen Bedeutungsmuster üben
einen enormen Druck auf das Bewußtsein aus. Wird er zu stark, bricht
die Kontrolle zusammen, und das Bewußtsein wird mit Bildern, Schmerzempfindungen
und Angstphantasien überschwemmt.
Auch psychosomatische Symptome können als metaphorische Äußerungen
des vorlogischen Denkens verstanden werden. Ihre Sprache und die spezifische
Bedeutung, die sie für den einzelnen haben, können - im Gegensatz
zu den oben angesprochenen psychotischen Zuständen - recht leicht
mit Hilfe des bildlichen Denkens erkundet werden. Die Aussagekraft des
bildlichen Denkens läßt sich leicht anhand von Kinderzeichnungen
verdeutlichen. Kinder haben für viele Erfahrungen noch keine Worte.
In ihren Bildern malen sie jedoch wichtige Aussagen über sich selbst
und zeigen, was sie bewegt oder auch verstört. So zeichnen Kinder,
die mißhandelt wurden, auf die Aufforderung hin, einen Tag darzustellen,
„wie er mir gefällt“, häufig schwere Niederschläge,
die oft bis in ihr Inneres vordringen, und signalisieren auf diese Weise
ihre Notlage. Unsichere und ängstliche Kinder nutzen die Bildfläche
oft nur zögernd und stellen sich schüchtern und klein am Bildrand
dar. Andere Kinder zeichnen riesige Genitalien - die in Kinderbildern
normalerweise keine Rolle spielen - und machen so auf sexuelle Mißhandlung
aufmerksam; oder sie streichen Teile ihres Bildes durch, übermalen
sie, kreisen sie ein und weisen damit auf Angst, erlebte Bedrohung oder
auch Verbote hin (Schuster & Wickert 1989). Die Inhalte der Bilder
geben einen Hinweis darauf, mit welchen Erfahrungen sich das Kind auseinandersetzt.
Die Bildgestaltung veranschaulicht wie das kindliche Bewußtsein
ihnen Bedeutung gibt, sie zu ordnen und zu integrieren sucht. Wichtige,
konflikthafte Erfahrungen kommen überdeutlich oder an zentraler Stelle
zum Ausdruck. Erlebnisse, die das Kind als zu belastend empfindet und
nicht integrieren kann, werden ausgegrenzt, oder es versucht sie zu löschen.
Über Konflikte die Kinder in ihren Bildern andeuten, kann man mit
ihnen auch behutsam sprechen und so genauer aufklären, was sie erlebt
haben und welche Unterstützung sie brauchen.
Leider wird die Verbundenheit mit der intuitiven Vorstellungs-
und Gestaltungskraft in der Erziehung oft durch wertende Beurteilungen
unterbrochen und muß dann später - in Krisen und Grenzsituationen,
unter therapeutischer Anleitung - wiedergefunden werden.
Auch Erwachsene geben mit Bildern Hinweise auf Erkrankungen, die sie sprachlich
so nicht erfassen können. Die Tiefenpsychiologin Susan Bach beschäftigte
sich viele Jahre lang mit Zeichnung schwerkranker Menschen, die in therapeutischen
Gruppen, psychiatrischen Anstalten und Krankenhäusern entstanden.
Sie beobachtete, daß das Malen den Patienten oft eine unmittelbare
Erleichterung brachte. Kranke, die im Gespräch schwer zugänglich
waren, konnten sich in ihrer Bildersprache leichter mitteilen; belastende
Gefühle, angstvolle Phantasien, innere Spannungen, zum Beispiel Warten
auf eine Diagnose, vor einer Operation oder unter dem Druck von Depressionen
und Zwangsgedanken, konnten so ausgedrückt werden. Die Bilder der
Patienten erwiesen sich als hilfreich für die Diagnose und Prognose
von Erkrankungen; mit ihnen ließen sich frühzeitig suizidale
Tendenzen oder bevorstehende schizophrene Schübe erkennen. Bach entdeckte
darüber hinaus in den Zeichnungen typische wiederkehrende Farben,
Farbkombinationen und Motive, die spezifischen Krankheitsbildern entsprechen.
Die Zeichnungen reflektieren also nicht nur den seelischen Zustand, sondern
liefern zugleich Informationen über das körperliche Befinden.
Solche psychosomatischen Hinweise, die sich aus den Zeichnungen kranker
Menschen ergeben, untersuchte Susan Bach systematisch auf einer neurochirurgischen
Station der Universitätsklinik Zürich. Sie und ihre Mitarbeiter
interpretierten über dreitausend Zeichnungen von sechshundert schwerkranken
Patienten. Sie malten spontan ohne das ihnen bestimmte Themen vorgegeben
wurden.
Die Auswertung der Bilder zeigte: kranke Menschen
haben ein inneres Wissen über Art und Schwere ihrer Erkrankung.
Manche Schwerkranke drückten in ihren Bildern sogar ihr Wissen darüber
aus, wann sie zum Beispiel bewegungsunfähig und wann sie sterben
werden. Oftmals gaben die Patienten in ihren Bildern genaue Hinweise auf
eine beginnende Verbesserung oder Verschlechterung ihres Befindens oder
auch auf die Wirksamkeit medizinischer Maßnahmen.
Im kreativen Gestalten geben wir Bewußtseinsinhalte frei, die nur
begrenzt durch intellektuelle Kontrolle gefiltert sind. Darin liegt der
Wert solcher Bilder für die Selbsterkundung. Wir müssen mit
diesen vorbewußten Inhalten besonders achtsam und feinfühlig
umgehen und sie ohne vorschnelle Wertung erkunden.
Wichtig ist, die Bedeutung zu achten, die die Patienten ihrer
Gestaltung selbst geben und nur Beobachtung, Ideen und Interpretationen
anbietet, aber sie nicht aufgedrängt werden.
Erkundet man dies mit sensiblem Interesse dann wird man
mit zunehmender Faszination erleben, wie analytische und intuitive Denkfähigkeit
zusammenspielen, erstaunliche Einblicke in die innere Welt eröffnen
und neue Perspektiven zur Konfliktlösung, zur Veränderung von
Einstellungen und Verhaltensmustern, freigeben.
Fast alle therapeutischen Schulrichtungen haben imaginative Verfahren
entwickelt, um Menschen zur Vertiefung ihrer eigenen Wahrnehmung und der
Kommunikation mit sich selbst zu führen. Vorstellungsübungen
lockern eine übermäßig rationale Ausrichtung und bahnen
den Kontakt zu spielerischen intuitiven und kreativen Fähigkeiten.
Sie können auch gezielt zur Klärung von Konflikten und Beschwerden
eingesetzt werden. In der Vorstellung kann man neue Verhaltensmöglichkeiten
neu durchspielen ohne direkte Konsequenzen zu befürchten. Bei Vorstellungsübungen
wird die Aufmerksamkeit von der Beschäftigung mit äußeren
Vorgängen zum inneren Erleben verlagert. Das gelingt leicht, wenn
der Körper ruhig gehalten wird, wenn man die Augen schließt
und sich entspannt. In diesem Zustand werden unterschwellige Wahrnehmungen
und Bedeutungsmuster aktiviert, die sich bildhaft und symbolisch äußern
und das bewußte Denken mit einer Fülle von Anregungen versorgen.
Sie wirken damit unmittelbar belebend.
Therapeutisch geleitete Vorstellungsübungen geben einen Rah-men vor
- ein Motiv, das Symptom - um die Aufmerksamkeit bei der Selbsterkundung
zu leiten. Der Rahmen schützt auch davor, sich in den unbegrenzten
Assoziationen zu verlieren, die sich lösen, wenn man den Schutz der
rationalen Orientierung weitgehend aufgibt.
| Genau dies stimmt nicht. Der freilaufende
innere synergetische Prozeß zeigt immer wieder, wie faszinierend
und präzise innere Energiemuster sich von selbst abbilden. Sogar
die Veränderung durch Selbstorganisation gehorcht präzisen
energetischen Gesetzen, die sich genau innerlich als Bildveränderung
vorhersagen lassen. |
Die therapeutische Unterstützung kann in unterschiedlichem
Ausmaß strukturierend und leitend sein. Wichtig ist, persönliche
Vorstellung zu fördern und darauf zu achten, daß diese auch
sprachlich gefaßt werden können und das in der Auseinandersetzung
mit bedrohlichen Bildern das Gefühl von Selbstvertrauen und Handlungskompetenz
gestärkt wird.
Aus den Erfahrungen mit dem katathymen Bilderleben (Hanscarl Leuner 1985)
konnte zum Beispiel beobachtet werden, daß depressive im Vergleich
zu nicht depressiven Menschen „unfreundlichere, schmutzigere Bilder“
zu den vorgegebenen Bildern entwickeln. Sie drücken mehr Angst und
Unsicherheit aus. Untersuchungen zeigen, daß die Hinwendung zu belastenden
Erfahrungen unter therapeutischer Anleitung heilend wirkt. Mit Gestalten
die ängstlich oder feindselig wirken, kann man ins Gespräch
kommen und so beruhigt werden. Eine bedrohliche Gestalt kann man aber
auch bekämpfen und jagen bis sie erschöpft ist und sie so entmachten.
In solchen Auseinandersetzungen mindern sich meistens Angst und Aggressionen.
Mit der Wandlung der emotionalen Energie, wandeln sich auch die inneren
Bilder und Symbole: Landschaften werden deutlicher und fruchtbar, bedrohliche
Gestalten schrumpfen und zeigen sich versöhnlich.
| Synergetik Therapie kann man auch als eine
Weiterentwicklung des katathymen Bilderlebens betrachten, wobei es
auf die Organisation von Information ankommt und die Inhaltsebene
nur sekundären Arbeitscharakter besitzt. |
Der Verhaltenstherapeut Akter Ahsen entdeckte schon Anfang
der fünfziger Jahre das mit der Erinnerung an bedeutsame
weit zurückliegende Ereignisse sehr klare Vorstellungbilder aktiviert
werden können. Er stellte fest, daß sie die persönliche
Bewertung der damaligen Lebenssituation wachrufen können. Wenn es
gelingt diese deutlichen Erinnerungen hervorzurufen, dann schaffen sie
ein umfaßendes psychosomatisches Erlebnis: das visuelle Bild bahnt
den Zugang zu Körperempfindungen, Gefühlen und Bedeutungsmuster,
die mit ihm verbunden sind. Der sich erinnernde Mensch, wird von dem Erlebnis
in ähnlicher Weise ergriffen wie zum Zeitpunkt des ursprünglichen
Geschehens.
Er entwickelte zum Beispiel den sogenannten Altersprojektionstest,
als hilfreiche Anleitung um seelische Erlebnisse und Lebenserfahrung aufzuspüren,
die mit der Entwicklung von körperlichen Symptomen verbunden sind.
Es ist ein effektives Verfahren, um psychosomatische Symptome in relativ
kurzer Zeit zu klären und heilungsorientierte Einstelllungen zu stärken.
Mit dem Einblick in wesentliche Lebenszusammenhänge und der Erinnerung
an die Zeit vor der Syptomentwicklung wird auch das Vertrauen in die eigenen
Fähigkeiten dem Gefühl von Kraft, Freiheit und Wohlbefinden
gestärkt. Damit wächst auch die Bereitschaft, einen selbstbewußteren
und kompetenteren Umgang mit den heutigen Lebensschwierigkeiten zu entwickeln.
In der Synergetik Therapie wird direkt in
diese „alte“ Erlebnissebene hineingegangen und somit alles
direkt verändert. Heilungs-orientierte Einstellungen zu stärken
ist doch nur wieder Stärkung der Nachfolgeebene.
Dabei ist es doch so einfach: Nur die Informationen auf der Primärebene
sind zu verändern! Dies macht jeder Klient selbst und stärkt
dadurch automatisch seine Handlungskompetenz. Und als Effekt geschieht
eine Informationsveränderung durch Selbstorganisation und diese
wirkt direkt zurück über die Selbstregulations-funktionen
des Körpers. |
Das bildliche Denken ist nicht mit der Klärung von
Ursachen der kausalen oder zeitlichen Abfolge von Ereignissen beschäftigt,
sondern auf die Vervollständigung von Erlebnissen und Erinnerungsmustern
ausgerichtet und verbindet sie mit Gefühlen und Körperempfindungen.
Daher können die Vorstellungen mit vergangenen oder zukünftigen
Erlebnissen befaßt sein oder auch unlogisch verknüpft sein.
Um ängstliche Erregungen zu überwinden und Selbstsicherheit
und körperliche Genesung zu fördern, ist es nur wichtig die
Aufmerksamkeit so auszurichten, daß Erinnerungs- und Phantasiebilder
und Fähigkeiten zur Überwindung prägnant visualisiert werden
können. Je intensiver positive Vorstellungen werden, umso stärker
wirken sie auf die physiologischen und seelischen Selbststeuerungsmechanismen.
Beispiel: „Ich habe starke Beine, ich kann wieder aufstehen und
herumlaufen“, stellte sich ein achtjähriger Junge vor. Er war
nach einer Streptokokkeninfektion so geschwächt, daß er nicht
mehr gehen konnte. Seine Ärzte ermutigten ihn, sich an die Zeit vor
der Krankheit zu erinnern und sich vorzustellen wie er sich kräftig
fühlt, stehen kann und herumläuft. Sie stimulierten intensive
und plastische motorische Erinnerungsbilder, die mit den Gefühlen
der Freude und Stärke verbunden waren. Implizit ermutigten sie den
Jungen, diese Vorstellung mit der Gegenwart und der nahen Zukunft zu verbinden:
„ Du hast starke Beine und Du siehst wie Du aufstehst und herumlaufen
kannst“. Schon am nächsten Tag begann der Junge aufzustehen
und sich allmählich wieder normal zu bewegen. Die positiven Veränderungen
blieben stabil (Olness & Gardner 1978).
Ein sehr wirksames Vorstellungstraining zur Kontrolle akuter Angst- und
Schmerzzustände entwickelten Cornelia Keuner und Jeanne Achterberg
für Patienten mit schweren Verbrennungen. Sie beobachten bei den
Patienten schon vor Beginn der Wundtoilette einen extremen Temperaturabfall
und eine Zunahme von Blutdruck, Atem- und Herzfrequenz als körperliche
Alarmreaktion, die auf hohe Angst schließen ließ, wenn die
Patienten hörten wie der Instrumentenwagen herangeschoben wurde.
Das Signal aktivierte automatisch Vorstellungen von Schmerz, Tortur und
Beschähmung. Ein Vorstellungstraining mit einer Anleitung zur Entspannung
und Imagination zur positiven Bewältigung zeigte auf, daß man
eine angekündigte vorhersagbare Belastung besser bewältigen
kann, als unerwartete und unverständliche Prozeduren.
Ähnliche Trainingsprogramme haben sich auch bei krebskranken Kindern
bewährt, die man so auf die bevorstehende Behandlung vorbereitete.
Diese Kinder ertrugen zum Beispiel die überlicherweise sehr schmerzhafte
Punktion wesentlich besser als Kinder, die man vorher nur durch Bilderbücher
abgelenkt oder mittels Valium beruhigt hatte. Sie wehrten sich weniger
gegen den Eingriff, schrien und weinten kaum, sie erlebten weniger Schmerz,
Angst und Verzweifelung.
Die besondere Wirksamkeit imaginativer Übungen zur Bewältigung
von Schmerzen und psychosomatischen Störungen oder auch bei Genesungsprozessen
wird verständlicher, wenn man sich eingehender mit Forschungsergebnissen
beschäftigt, die einen direkten Zusammenhang zwischen Imagination,
Emotionen und physiologischen Prozessen aufzeigen: Visuelle Vorstellungen
beruhen auf denselben Gehirnfunktionen wie visuelle Wahrnehmungen. Je
umfassender verschiedene Sinnesfunktionen durch die Imagination angesprochen
werden, umso umfaßender ist auch die Aktivierung von Hirnarenalen
und umso intensiver ist das Vorstellungsverständnis (Klinger 1988;
Achterberg 1987). Vorstellung zu Bewegungsabläufen erzeugen elektrische
Aktivitäten in den Muskeln, die bei der jeweiligen Imagination angesprochen
werden. Wiederholt man solche Vorstellungsübungen regelmäßig,
verbessert sich die motorische Durchführung dieser Bewegungen.
Das Training der Bewegungsfähigkeit mit Hilfe der Vorstellung wird
sowohl für die Rehabilitation nach Unfällen als auch von Sportlern
für die Steigerung der Leistungsfähigkeit genutzt (Suinn 1976).
Sexuelle und Angstphantasien werden von deutlichen physiologischen Veränderungen
begleitet. Die Vorstellung des persönlichen Ruhbildes ist ein wirksames
Verfahren, um Angst zu mindern und körperliche Entspannung zu fördern.
Imaginationen zu negativen Kindheitserinnerungen rufen Veränderungen
der Herzfrequenz, der Hautleitfähigkeit, der Atmung und der Augenbewegungen
hervor (Jordan & Leningteon 1979).Vorstellungen, die mit Gefühlen
der Freude, Trauer, Wut und Angst verbunden waren, führten bei Tests
zu Änderungen der Herz-Kreislauf-Werte sowie der Hautleitfähigkeit
und aktivierten unterschiedliche Gesichtsmuskeln. Die jeweilige Aktivierung
der mimischen Muskulatur entsprach den spezifischen mit der Vorstellung
verbundenen Emotionen (Schwartz 1981; de Jong-Meyer 1990). Vorstellungen
beziehungsweise Erinnerungen zu schmerhaften Stimulationen bewirken Änderungen
von Pulsfre-quenz, Muskelspannung und Hautwiderstand. Diese körperlichen
Veränderungen zeigen nicht nur Angst an, sondern entsprechen auch
den Körperreaktionen, die bei real erlebten Schmerzen auftreten (Barber
& Hahn 1964). Andere Imaginationen können etwa die Speichelbildung,
die Magen-Darm-Peristaltik, die Blutzucker-werte oder das Immunsystem
beeinflussen (Achterberg 1987). Die Entwicklung und Wirkung von Vorste-llungsbildern
wird auf die Aktivität der rechten Großhirnhemispäre und
der mit ihr verbundenen Limbischen Systems zurückgeführt, wo
unter der jeweiligen emotionalen Tönung entsprechende biologische
Regulationen ausgelöst werden.
Simonton.
Einer der ersten Ärzte, die Vorstellungsübungen als therapeutische
Maßnahme bei schweren Krankheiten einsetzten, war der Onkologe
Carl Simonton.
Er entwickelte ein integratives Psychotherapieprogramm zur Unterstützung
der medizinischen Behandlung von Krebskranken dessen Ziel darin besteht,
die Patienten durch Information, Gespräch und Übung, aktiv in
ihren Behandlungsprozess einzubeziehen. Er versuchte die Einstellungen
der Kranken zu sich selbst und ihrer Lebenssituation so zu verändern,
daß sie statt Angst und Resignation zunehmend Hoffnung empfinden.
Ein Element des Therapieprogrammes ist besonders bekannt geworden: Die
Patienten lernen in entspanntem Zustand ihre Körperprozesse zu visualisieren
und wahrzunehmen wie ihre Immunzellen den Krebs beseitigen (Simonton 1982).
Diese Übung regt Patienten dazu an, sich mit ihrer körperlichen
Abwehr zu verbünden und so hoffnungsvolle Einstellungen und eventuell
auch die biologische Regulation zu stärken. Vorstellungen zur Immunabwehr
bei Krebs sind jedoch nur dann sinnvoll, wenn es dem Erkrankten gelingt
seine Abwehrkraft machtvoller als den Krebs zu visualisieren. Nach diesen
Übungen malen die Patienten ihre Vorstellungsbilder zum Krankheitsgeschehen.
Sie geben einen tiefen Einblick in ihre innere Welt und Annahmen über
die Krankheitsentwicklung (Jeanne Achterberg und Frank Lawlis 1984). Diese
Vorstellungsbilder wurden nach verschiedenen Merkmalen eingeschätzt,
z.B. Größe, Lebendigkeit der Krebszellen, Aktivität, Mächtigkeit
der Immunzellen. Anhand dieser Vorstellungsbilder konnte die Krankheitsentwicklung
- zwei Monate später - mit achzigprozentiger Genauigkeit vorausgesagt
werden. Eine so genaue Prognose ist anhand medizinischer Diagnosen und
Meßwerte allein nicht möglich. Sie drücken offenbar
grundlegende Haltungen zur Krankheitsbewältigung aus. Günstige
Entwicklungen waren unter anderem damit verbunden, daß die Patienten
den Mut hatten sich den Krebs und ihre Immunzellen klar vorzustellen.
Imaginationsübungen zu Heilungsprozessen bei schweren und chronischen
Krankheiten können sehr hilfreich sein, um krankheitsbezogene Haltungen
zu klären und Möglichkeiten der aktiven Bewältigung in
der Vorstellung zu erproben und zu stärken. Dabei muß jedoch
immer die Bedeutung der Bildinhalte geklärt werden. Dies berücksichtigen
viele Patienten nicht. Diese Übungen dürfen nicht mechanisch
wie eine Art Medikament eingesetzt werden. Patienten mit chronischer Arithis
benutzen diese Übungen und ihr Befinden verschlechterte sich innerhalb
kürzester Zeit. Das erklärt sich daraus, daß das Immunsystem
bei Krebskranken aktiviert werden muß, während es bei Atrithikern
aufgrund eines Autoimmunprozesses überaktiviert ist und in keiner
Weise weiter angeregt werden sollte.
Die Bedeutung von Vorstellungsübungen für die Rehabilitation
und Genesung war lange Zeit umstritten und wird erst allmählich anerkannt.
In Gesprächen mit Patienten ist mir jedoch aufgefallen, daß
viele intuitiv Imaginationen zu Auseinandersetzungen mit ihren Beschwerden
entwickeln. Sie haben mir darüber eher vorsichtig berichtet, da ihre
Ideen von Ärzten oder auch Bezugspersonen oft lächerlich gemacht
wurden. Eine verständnisvolle Haltung von Medizinern und Psychologen
könnte dieses kreative und heilungsorientierte Potential vieler Patienten
stärken. Frauke Teegen bringt einige positive Beispiele für
selbstentwickelte Imaginationen.
Interpretationshilfen zu Bildaussagen
Menschen geben in ihren Bildern und Zeichnungen Hinweise auf ihr körperliches
und seelisches Befinden. Das Lesen, Übersetzen und Verstehen der
Hinweise erfordert allerdings eine gewisse Schulung. Um Bildaussagen zu
entschlüsseln, bedarf es sowohl spezifischer Kenntnisse als auch
einer interessierten und empathischen Aufmerksamkeit. Susan Bach (1952)
beschrieb diese Fähigkeit folgendermaßen: „Die inneren
Gehalte solcher Arbeiten sind in einer Bildersprache ausgedrückt,
die man - wie Hieroglyphen oder Röntgenplatten - lesen und übersetzen
lernen muß. Genügend langer Umgang mit solchem Material, geduldiges
Studium, die echte Bereitschaft, die Arbeiten jedes Patienten als jeweils
neu zu erforschenden Ausdruck seiner Persönlichkeit anzusehen, ein
gutes medizinisch-psychologisches Verständnis der Bedeutung von Symptomen
und der Funktion von Symbolen gehören zu den Voraussetzungen für
eine zureichende Auswertung.“
Bedeutsam sind vor allem Darstellungen der menschlichen Gestalt oder ihrer
Entsprechungen. Bäume und Häuser symbolisieren oft den Menschen,
und ihre Gestaltung kann etwas über sein Lebensgefühl und spezifische
Konflikte aussagen (Bäume, die keine Wurzeln haben, verdorren, denen
Äste abgekackt wurden - Häuser, die keine Tür haben oder
in denen es brennt). In Kinderzeichnungen entspricht die rechte Bildseite
der rechten Körperseite. Kinder malen also spiegelbildlich. Erwachsene
stellen dagegen Aspekte der rechten Körperseite meist in der linken
Bildhälfte dar. Bilder reflektieren den Zustand eines Menschen, seine
Gefühle und Einstellungen. So können dargestellte oder angedeutete
Störungen im Bildraum auf Störungen in analogen Körperbereichen
oder auf Besorgnis und seelische Belastungen hinweisen.
Je gesünder eine Mensch ist, umso ausgewogener wird das Bild sein
das er malt, umso reicher ist die Darstellung an Farben, Schattierungen,
Motiven und Bewegung. Ein normales gesundes Kind nutzt fast alle Farben
die ihm angeboten werden und erfindet zusätzlich neue Mischungen.
Kranke und Menschen die sich in einer Krise befinden wählen dagegen
nur wenige Farben, wobei die bevorzugte Farbe oft der Art der Erkrankung
oder des seelischen Problems entspricht.
Tiefenpsychologische Bildinterpretationen gehen davon aus, daß beim
Malen, Zeichnen und kreativen Gestalten, die innere seelische und körperliche
Befindlichkeit auf die Bild- und Gestaltungsfläche projiziert wird.
Zum Beispiel werden der oberen und unteren Bildhälfte wie auch der
rechten und linken Bildseite bestimmte Bedeutungen zugewiesen.
Im Dialog mit dem Schmerz
Schmerz ist ein lebenswichtiges Signal und ein bedeutender
Teil der organischen Selbstregulation. Er zwingt den Menschen dazu sich
seiner Körperwahrnehmung zuzuwenden, um herauszufinden, was nicht
stimmt, und etwas zu unternehmen, um weitere Schädigungen abzuwenden.
Im Gegensatz zum akuten Schmerz ist die Warn- und Schutzfunktion chronischer
Schmerzen weniger offensichtlich, was dazu führt, daß sie oft
als „biologische Fehler“ betrachtet werden - als ein Signal,
das keine offensichtliche Funktion erfüllt. An chronischen Schmerzen
leidet fast ein Drittel aller Menschen in Industrieländern. Die häufigsten
Verschreibungen werden für Schmerzmittel ausgestellt.
In Westdeutschland nehmen fast 10 Prozent der Bevölkerung
regelmäßig Schmerzmedikamente ein. Die Patienten können
unter 623 verschiedenen Präparaten wählen und verbrauchen jährlich
128 Millionen Packungen Analgetika (Zimmermann & Seemann 1988). Häufig
führen Schmerzmittel schnell zur Gewöhnung und auch zur Abhängigkeit.
Frauke Teegen bringt mit einfachen Übungen Menschen in Kontakt mit
ihrem inneren Wissen über die emotionale Bedeutung ihrer Schmerzen:
„Sehr häufig wird dabei sichtbar, daß chronische Schmerzen
auf eine „ verdeckte Gefahr“ aufmerksam machen und die Notwendigkeit
von Wandlungsprozessen signalisieren. ...chronische Schmerzen verselbständigen
sich und werden als eigenständiges Krankheitsbild betrachtet. Akute
Schmerzen zwingen mit ihrer deutlich spürbaren Warn- und Signalfunktion
dazu herauszufinden, was nicht stimmt, und etwas zu unternehmen, um weitere
Körperschädigungen zu verhindern. Bei vielen chronischen Schmerzen
-, rheumatischen Erkrankungen, Stumpfschmerzen, Gesichts- und Kopfschmerzen
- hat der Schmerz diesen Hinweischarakter weitgehend verloren. Oft treten
sie ohne klaren organischen Befund auf. Die chronischen Schmerzen stellen
meist das Hauptleiden des Patienten dar. Der Arzt kann sie nur selten
heilen. Er kann helfen sie zu lindern - etwa durch Verschreibung von Medikamenten,
Massage, Krankengymnastik. Als sinnvoller gelten heute psychologische
Behandlungen, deren Effektivität unter anderem für Spannungskopfschmerz,
Migräne, Krebsschmerzen, Rückenschmerzen, Rheuma, chronische
Polyatrithis, nachgewiesen ist (Rehfisch 1989).
Der Patient nimmt seine Schmerzen vor allem dann stark wahr, wenn er allein
ist, wenn er Angst hat oder wenn er gelangweilt ist. Ist er aber intensiv
abgelenkt, bemerkt er seine Schmerzen weniger oder gar nicht. Ablenkung
- vor allem wenn sie gezielt und planvoll eingesetzt wird - ist eine wirksame
Strategie zur Schmerzlinderung.
Seelische Zustände wie Unruhe, Angst, Einsamkeit, Hilflosigkeit oder
Depressionen verstärken die Schmerzen. Empfindungen wie Neugier,
Freude, Empathie, Selbstbewußtsein und Vertrauen vermindern sie.
Auch die komplexe unterschwellige Einschätzung, die Bedeutung, die
wir ihnen geben - ob wir sie als „gefährlich“, „sinnlos“
oder „überwindbar“ erleben - beeinflußt die Schmerzwahrnehmung
durch elektrische und chemische Signale.
Schmerzsignale wirken ganz ähnlich wie Angstsignale und bewirken
eine Alarm- und Streßreaktion des Körpers. Der Blutdruck steigt
an, und automatisch werden Muskelreflexe und - spannungen ausgelöst,
die den Körper bereit machen, vor Gefahr zu fliehen. Dies ist bei
akuten Schmerzen ein sinnvoller, lebenswichtiger Vorgang. Bei chronischen
Schmerzen verstärken diese Verspannungen jedoch den Schmerz - ein
„Teufelskreis des Schmerzes“ entsteht.
Am Beispiel von Migräneerkrankungen möchte ich
verdeutlichen, wie durch eine langfristige und sich steigernde Medikation
sehr ungünstige„Patientenkarrieren“ eingeleitet werden.
Weit häufiger als Männer leiden Frauen an Migräne. Sie
werden oft als sehr ausdauernd und überfleißig beschrieben.
Ein Migräneanfall erzwingt das Gegenteil dieses Verhaltensmusters:
still liegen, gar nichts mehr tun können. Auch physiologisch spielen
sich ähnliche Extreme ab: Die Blutgefäße im Kopfbereich
sind etweder sehr verengt oder stark geweitet. Der Übergang von „verengt“
zu „geweitet“ tritt im allgemeinen (meist im Ruhezustand)
sehr schnell ein. Gefäßverengende Medikamente haben einen schmerzlindernden
und vorbeugenden Effekt. Häufig wird vom Arzt ein „Schmerzcocktail“
verschrieben. Bei starken Schmerzen und häufigen Migräneanfällen
neigen die Betroffenen zu einer raschen Konsumsteigerung, da die Wirkung
der Medikamente nachläßt, während die Angst vor den Schmerzen
wächst. Die Patientin greift zu stark wirkenden Zäpfchen und
beginnt, die Medikamente vorbeugend einzunehmen. Sie erlebt, zum Teil
als Nebenwirkungen der Medikamente, vermehrt auch psychische Beschwerden
- innere Unruhe, Angst, Depression -, die wiederum mit Psychopharmaka
behandelt werden. Meist wird wöchentlich eine Depotinjektion gegeben.
Als weitere Nebenwirkungen der Schmerzmittel tritt häufig Unfruchtbarkeit
auf, manchmal auch Nierenversagen (etwa 15 bis 20 Prozent aller
Dialyse-Patienten haben jahrelange Schmerzkarrieren mit Medikamentenmißbrauch
hinter sich).
Physiologische Interventionen haben jedoch den Vorteil,
daß der Patient nicht in Abhängigkeit gerät und selbst
etwas tun kann, um seine Schmerzen zu beeinflussen. Das Bewußtsein
der eigenen Handlungsfähigkeit mindert das Gefühl von Hilf-
und Hoffnungslosigkeit. Zum Beispiel werden Patienten dazu angeleitet,
ein „Schmerztagebuch“ zu führen. Sie erkunden damit Zusammenhänge
zwischen zunehmender bzw. nachlassender Schmerzempfindung und spezifischen
Situationen. Sie lernen dabei auch ihre Gefühle, Gedanken und Bewertungen
in verschiedenen Situationen wahrzunehmen und zu klären, welche Erfahrungen
Angst und problemmeidendes Verhalten auslösen. Zu kritischen Situationen
können dann neue Verhaltensmöglichkeiten erprobt und geübt
werden.
David Bresler, ein bekannter amerikanischer Schmerztherapeut, wies 1987
bei einem internationalen Symposium daraufhin, daß es sich bei chronischen
Schmerzen um ein von seelischen und physischen Tiefenschichten „wohlweislich
hervorgerufenes Symptom“ handle und daß eine allein auf das
Symptom ausgerichtete Behandlung deshalb immer nur vorübergehend
Linderung verschaffen könne. „Zwar läßt sich das
Nervensystem für eine kurze Zeit täuschen, doch wenn eine verdeckte
Gefahr bestehenbleibt, bricht der Schmerz erneut durch oder kehrt mit
der Zeit wieder, bis die Botschaft wahrgenommen wird und eine angemessene
Reaktion darauf erfolgt.“ In seiner Arbeit mit Schmerzpatienten
beobachtete Bresler, daß die „Botschaft des Schmerzes“
oft damit zusammenhängt, daß die Patienten Schwierigkeiten
haben, Wandlungsprozesse zu vollziehen. „Wenn sie sich krisenhaften
Veränderungen gegenübersehen, werden sie unbeweglich, wollen
sie das Alte nicht preisgeben.“ Sie bleiben lange in den
Phasen von Verleugnung, Zorn und Klage stehen , so daß Neuorientierung
und Anpassung an die veränderten Lebensbedingungen nicht gelingen.
„Schmerz“, sagt Bresler, „ist nicht die Ursache
dafür, daß das Leben stillsteht, sondernm das Ergebnis einer
Stagnation.“
Für eine umfassende Neuorientierung ist es nötig, Erinnerungs-
und Bedeutungsmuster zu klären, die mit der Genese und Chronifizierung
der Schmerzen verbunden sind. Oft weisen die Patienten schon mit den Bildern
und Symbolen, die sie zur Beschreibung ihrer Schmerzempfinden, auf die
subjektive Bedeutung der Schmerzsignale hin.
| In der Synergetik Therapie wird der Dialog
direkt mit dem Schmerz in der Innenwelt geführt. Der Schmerz
zeigt assoziativ verknüpfte Erinnerungsbilder und diese sind
veränderbar. Schmerz ist als Symptom ein sehr karer Hinweisgeber
und kein Gegner! |
Patienten und Ärzte sind allerdings im allgemeinen
nicht darin geübt, diese Hinweise zu entschlüsseln. (Synergetik
Therapeuten sind eine sehr kompetente Alternative). Über die Vertiefung
der Körperwahrnehmung und mit Hilfe der Vorstellungskraft kann man
sich dem Gehalt dieser Botschaften jedoch relativ leicht nähern.
Läßt ein Mensch sich auf die Wahrnehmung seiner Schmerzen ein
- statt gegen sie anzukämpfen oder sich abzulenken -, kommt er spontan
in Kontakt mit affektiven Erinnerungsspuren, die zu wichtigen Aspekten
seines Selbst- und Lebenskonzeptes führen. Die mit demSchmerz verbundenen
Bedeutungsmuster steign als Gefühle, Erinnerungsbilder und Symbole
auf und weisen einen Weg, abgetrennte Erfahrungen zu integrieren. Mit
dem Ausdruck gehemmter Empfindungen und der Klärung veralteter Widerstandsmuster
werden neue, umfassendere Bedeutungs-zusammenhänge erschlossen. Solche
Erfahrungen führen zu körperlicher und seelischer Erleichterung
und rücken neue Verhaltensmöglichkeiten in den Blick, die dann
im Alltag verwirklicht werden müssen. Ein Beispiel soll verdeutlichen,
wie Menschen durch die Klärung der Schmerzbotschaft und im Dialog
mit dem Symptom eine neue Orientierung finden.
Bresler (1987) bereichtete über Therapie mit einem zweiundfünfzigjährigen
Arzt, der an unerträglichen Schmerzen im unteren Rücken litt.
Ihm war an dieser Stelle ein Rektumkarzinom operativ entfernt worden;
die Schmerzen hielten jedoch unvermindert an und waren durch Medikamente
nicht zu beeinflussen. Zu Beginn der Psychotherapie sah der Patient für
sich nur drei Möglichkeiten: „Entweder ist die Behandlung erfolgreich,
oder ich lasse mich freiwillig in eine psychiatrische Anstalt einliefern,
oder ich nehme mir das Leben. „Es schien ihm unmöglich, die
Schmerzen zu ertragen und dabei seelisch gesund zu bleiben. Beim Studium
seiner Krankenakte fiel Bresler auf, daß der Patient den Schmerz
bildhaft beschrieben hatte als einen „Hund, der an meinem Rückgrat
nagt“. Es zeigte sich, daß dieses Bild für den Patienten
sehr lebendig war, und so schlug Bresler ihm vor, während einer Vorstellungsübung
mit dem „Hund“ Kontakt aufzunehmen. Der Patient hielt diese
Idee zwar aufgrund seiner medizinischen Ausbildung für völlig
verrückt, umter dem Druck der extremen Schmerzen war er jedoch bereit
zu einem Versuch.
Während der Vorstellungsübung begann der Patient, in der Rolle
des „Hundes“ zunächst nie Arzt werden wollen, sondern
das Studium nur auf Drängen seiner Mutter begonnen. Er hegte heftigen
Groll gegen die Mutter und hatte seinen Ärger auch auf Kollegen und
Patienten übertragen. Der „Hund“ vermutete, die feindseligen
Gefühle hätten zur Krebsentwicklung beigetragen und seien mit
dem Schmerz verbunden. Außerdem sagte er zu dem Patienten: „Du
bist ein verdammt guter Arzt. Es mag nicht der Beruf sein, den du wolltest,
aber du mußt endlich erkennen, wie gut du deine Arbeit machst. Wenn
du aufhörst, so verbittert zu sein, und anfängst, dich selbst
anzunehmen, dann höre ich auf, an deiner Wirbelsäule zu nagen.“
Diese Einsicht war von einem unmittelbaren Nachlassen der körperlichen
Schmerzen begleitet. Bresler berichtete, daß dieser Patient die
Mitteilung des „Hundes“ beherzigte und seine Schmerzen allmählich
abklangen und schließlich ganz verschwanden.
Frauke Teegen macht an einem noch weiteren Beispiel klar, daß mit
Hilfe des bildlichen Denkens bedeutsame Lebenserfahrung zugänglich
und wieder streitende Impulse verstanden und integriert werden können.
Oft werden dadurch Erfahrungen von Entbehrung und Gewalt zugänglich,
die wichtige Blockaden als hohe persönliche Widerstandsmuster repräsentieren.
Sie dienen als Überlebensstrategie. Solche Blockierungen werden körperlich,
emotional und bildhaft erfahren und häufig als Nebel, Leere, Loch
oder Mauer erlebt. Mit Erkundung der Blockade werden traumatische Erfahrungen
zugänglich. Erinnerungen verhalten sich bildhaft, Körperbereiche
beginnen zu sprechen und bahnen mit den symbolischen Mitteilungen ein
umfassenderes und bewußtes Verständnis für die eigene
Lebensgeschichte. Mit der Integration widerstreitender Impulse gewinnt
der Mensch eine neue Orientierung und Handlungsfähigkeit.
Chronische Schmerzen sind oft mit unterdrückten Lebensimpulsen verbunden
und weisen daraufhin, daß bedrohliche Erfahrungen und Wahrnehmungen
abgespalten und blockiert worden sind. Dies war einst sinnvoll, um traumatische
Erfahrungen - große Angst, Hilflosigkeit, seelische und körperliche
Verletzungen - unter Kontrolle zu bringen. Wird dieses Verhaltensmuster
chronisch beibehalten, schränkt es die Möglichkeiten des Menschen
sich zu verwirklichen zunehmend ein und bedarf der Überprüfung
und Veränderung.
In dem Beispiel der Frauke Teegen wurde deutlich wie die körperlichen
Schmerzen der Patientin seelischen Schmerz verdecken, unter Kontrolle
halten und zugleich daraufhinweisen, daß diese Bewältigungsstrategie
nicht mehr angemessen ist. Die Patientin klärte im Kontakte mit der
Schmerzerfahrung auf, daß sie als Kind sexuell mißhandelt
worden war. Sexuelle Kindesmißhandlung ist ein Trauma, daß
ralativ viele Kinder erleben und das zu schwerwiegenden Folgeschäden
führt.
Unter sexueller Kindesmißhandlung versteht man die Beteiligung noch
nicht ausgereifter Kinder und Jugendlicher an sexuellen Handlungen denen
sie noch nicht verantwortlich zustimmen können. Dabei mißbraucht
der erwachsene oder jugendliche Täter ein vorhandenes Macht- oder
Kompetenzgefälle zur Befriedigung seiner Bedürfnisse und zum
Schaden des Kindes. Aus verschieden Erhebungen ergibt sich für Frauen
eine mittlere Prävalenzrate von 21 Prozent. Das auch Jungen sexuell
ausgebeutet werden, ist erst in den letzten Jahren vermehrt zur Kenntnis
genommen worden. Die bisher vorliegenden Häufigkeitsangaben variieren
zwischen 3 und 30 %. Sexuelle Kindesmißhandlungen finden vor allem
in der Familie und im familiären Umfeld statt. Besonders betroffen
sind Schulkinder unter 10 Jahren (Teegen 1992).
Nach den heute vorliegenden Erkenntnissen müssen wir davon ausgehen,
daß ein hoher Prozentsatz der Kinder und Jugendlichen in einer entscheidenden
Phase der Persönlichkeitsentwicklung ein schwerwiegendes Trauma erlebt
haben. Die psychische Bewältigung der traumatischen Erfahrungen im
Erwachsenenalter ist oft schwierig, da die Erlebnisse verdrängt und
abgespalten werden, so daß sie der bewußten Erinnerung nicht
zugänglich sind. Langfristige Folgen zeigen sich vor allem in einem
komplexen Muster affektiver Störungen, erhöhter Suizidgefährdung
oder auch antisozialem und kriminellem Verhalten (Draijer 90; Mogggi 91;
Engfer 92).
| In der Synergetik Therapie werden diese traumatischen
Erfahrungen klar aufgedeckt und verändert. |
In unserer Untersuchung berichten fast alle Teilnehmer
und Teilnehmerinnen über Ängste vor allem davor, die Kontrolle
zu verlieren oder verlassen zu werden und vor spezifischen Situationen,
die an die Mißhandlung erinnern. 50 bis 70 Prozent litten an Selbstunsicherheit,
Mißtrauen, Depressionen, Dissoziationnen oder körperlichen
Beschwerden, die auch als Begleiterscheinungen unbewältigter Ängste
verstanden werden können (Schlafstörungen, chronische Verspannungen/-Schmerzen,
Kreislaufstörungen, Magen-Darm- und entzündliche Unterleibserkrankungen).
Die Fähigkeiten, Emotionen auszudrücken und Konflikte realitätsgerecht
zu lösen, waren deutlich vermindert. Verbale und bildliche Beschreibungen
zum Körperempfinden veranschaulichten eine tiefe Verstörung
des körperlichen Selbstgefühls. Die Untersuchungen machten deutlich,
wie gravierend die Folgen des sexuellen Kindesmißbrauchs sind. Sie
lassen ahnen wie schwer es ist mit den Verletzungen zu leben und die tief
geprägten Angst- und Mißtrauenshaltungen zu überwinden.
Körperleben und Körperbild
Das Erleben des eigenen Körpers, seiner wechselnden Zustände
und seiner Grenze zur Umwelt ist ein wesentlicher Teil des Selbstbewußtseins
und eine grundlegende Bezugsgröße für die Entwicklung
und Festigung des Kontakts zur Realität. Im Rahmen der jüdisch-christlichen
Kultur ist der Körper eher negativ bewertet. Sinnliche, körperliche
und leibliche Erfahrungen werden in einen Gegensatz zum Geistigen gestellt
und als niedrig, „sündig“, gesehen. In der naturwissenschaftlich
orientierten Medizin, bei der Suche nach objektiven Befunden, spielt das
subjektive Erleben des eigenen Körpers eine ganz untergeordnete Rolle.
Eine Abwertung und Abtrennung des Körpers und Körpererlebens
ist jedoch auch in psychologische Theorien der Ich- und Persönlichkeitsentwicklung
eingeflossen.
Aus psychoanalytischer Sicht zeigt sich das Körpererleben als niedrige
Trieb- und Instinktsphäre und äußert sich als Krankheit
oder Neurose. Wilhlem Reichs Beobachtungen zum Zusammenwirken von Körper-
und Charakterstruktur wurden zunächst scharf ausgegrenzt und erst
später - vor allem durch die neuen körpertherapeutischen Ansätze
- wieder aufgegriffen und rehabilitiert. Die analytische Psychologie nach
C.G. Jung vermittelt eine größere Wertschätzung für
vorbewußte Prozesse, sie bleibt jedoch eigentümlich körperfern.
Thure von Uexküll (1985) kommt zu dem Schluß, daß der
Körperbegriff ein zentrales Problem sowohl der somatischen medizin
als auch der Psychoanalyse ist. Die gegenwärtige Heilkunde, schreibt
er, gehe von zwei Modellvorstellungen aus, die sich gegenseitig ausschließen:
„die Maschinendefinition für den Körper und das Freudsche
Paradigma des seelischen Apparates für die Seelen ohne Körper“.
Im Rückblick zeigt sich: Das Körpererleben wurde - vor allem
von der Neurologie und Psychiatrie - lange nur unter dem Aspekt der Pathologie
beachtet. Erst allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, daß
das Körpererleben ein wichtiger und vollwertiger Teil des Selbsterlebens
ist und daß wir lernen können, in einen angstfreien Dialog
mit ihm einzutreten. Darüber hinaus wird zunehmend deutlich, daß
sich viele Störungen gerade aus der Entfremdung vom Körpererleben
entwickeln. Die Beschäftigung mit dem Körpererleben berührt
immer die tief verwurzelte Polarisierung von Soma und Psyche in der abendländischen
Kultur.
Paul Schilder (1923, 1935) verknüpfte Ergebnisse der neurologischen
Forschung mit dem seelischen Erleben unter dem Begriff „Körperbild“
(body-image). Er erkannte, daß eine gestörte Körperwahrnehmung
sich nicht nur in neurophysiologischen Veränderungen ausdrückt,
sondern zugleich eine subjektive und emotionale Bedeutung hat und die
Umwelterfahrung beeinflußt. Das Körperbild enthält die
gesamten subjektiven Erfahrungen mit dem eigenen Körper - alle organismischen
Empfindungen und sensomotorischen Reaktionen, Integrationsleistungen und
Bedeutungsbildungen. Das Körperbild ist nicht statisch, sondern entwickelt
sich fortlaufend. Als Muster, das unsere gesamte emotionale Lebensgeschichte
enthält, wirkt es aus dem Unbewußten auf unsere Selbst- und
Umwelterfahrung ein. Über die bewußte Wahrnehmung des Körpererlebens
haben wir jedoch auch die Möglichkeit, Erinnerungs- und Bedeutungsmuster
zu erkunden und zu klären.
Die Entwicklung des Körperbildes fängt schon im pränatalen
Bereich an. Ein archaisches Basisbild wird durch fötale Wahrnehmung
schon vor der Geburt angeregt (Tomatis 1991; Janus 1991). Das Körperleben
des Säuglings ist zunächst stark auf das Körperinnere ausgerichtet.
Vor allem die Ausprägung bzw. die Verweigerung des Blickkontaktes
in den ersten Lebenswochen schweint ein wesentlicher Indikator für
die Sicherheit der Bindung zu sein und läßt genaue Voraussagen
über Störungen der psychophysiologischen Organisation, Entwicklungsverzögerungen
und Verhaltensprobleme bis zum sechsten Lebensjahr zu (Keller und Zeche
1991).
Beobachtungen zum frühkindlichen Autismus zu Psychosen und multibler
Persönlichkeitsstörungen legen nahe, daß die Entwicklung
der personalen Identität und eines sicheren Realitätsbezugs
von Anfang an durch ein ungestörtes und kontinuierliches Körpererleben
geschützt wird. Körpertherapeutische Beobachtungen zeigen, daß
frühe Traumatisierungen vor allem die Integration und Koordination
sensorischer Funktionen und die Hirnbasis blockieren und damit die Fundamente
der Ich-Entwicklung stören. Der Neuropsychiater Frederico Navarro
(1986) bringt die Blockierung des sogenannten Augensegments in Zusammenhang
mit Störungen der psychoaffektiven Entwicklung, die psychotische
Krisen in der Pubertät auslösen können.
Mit seinen genauen Untersuchungen zur motorischen Koordination hat Jean
Piaget (1979) gezeigt, wie sich Hand in Hand mit der Orientierung am eigenen
Körper die Umwelterfahrung des Kindes organisiert. Am Ende des siebten
Lebensjahres stabilisiert sich die am eigenen Körper orientierte
Wahrnehmung, die Dimensionen vorn-hinten, oben-unten, rechts-links sind
vertraut. Erst um das zwölfte Lebensjahr kann das Kind diesen egozentrischen
Standpunkt endgültig verlassen, den Körper als Bezugspunkt aufgeben
und sich auch vom Standpunkt eines anderen aus räumlichen verstehen.
Elisabeth Koppitz (1972) untersuchte Zeichnungen der menschlichen Gestalt
von 1856 Kindern im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren. Sie
stellte fest, daß die Zeichnung der menschlichen Figur das Entwicklungsalter
spiegelt und darüber hinaus Mitteilungen über das seelische
Erleben enthält. Die psychologischen Aspekte der Darstellung waren
unabhängig vom zeichnerischen Talent und dem vorgegebenen Material
(Bleistift oder dickere Farbstifte). Anhand von dreißig Merkmalen
der Körperdarstellung kam Koppitz zu genauen Aussagen darüber,
welche Darstellungsmerkmale in einer jeweiligen Altersstufe von normal
intelligenten und emotional nicht gestörten Kindern erwarten werden
können.
Koppitz überprüfte die Bedeutsamkeit dieser Bildmerkmale an
normalen wie auch emotional belasteten und verhaltensauffälligen
Kindern. Sie kam zu dem Ergebnis, daß schüchterne, bedrückte,
hilflose Kinder dazu neigen, winzige Gestalten zu zeichnen; sie stellen
häufig Mund, Nase, Augen und Hände nicht dar. Aggressive Kinder
hingegen zeichnen oft groß Figuren mit betont langen Armen und großen
Händen und stellen Zähne dar. In Zeichnungen von Kindern mit
psychosomatischen Störungen fand Koppitz häufig Schattierungen
des Gesichts oder verschiedener Körperteile sowie nicht in das Gesamtbild
integrierte Körperteile, ferner kurze Arme, fehlende Hände,
„zusammengepreßte“ Beine (die auf traumatische sexuelle
Erfahrungen hindeuten können) und fehlende Füße.
In einer Längsschnittuntersuchung, bei der man die Teilnehmer bat,
sich selbst zu zeichnen (Faterson & Wittkin 1970, zitiert nachKiener
1973), wurde die Entwicklung des Körperbildes von der Kindheit bis
zum Erwachsenenalter beobachtet. Die Zeichnungen wurden danach bewertet,
wie wirklichkeitsgetreu sie waren und ob sie Geschlecht, Alter und andere
Einzelheiten (wie den Gesichtsausdruck) wiedergaben. Die Ergebnisse zeigten,
daß die Differenzierung des Körperbildes vom achten bis zum
vierzehnten Lebensjahr steil ansteigt sich danach jedoch nur noch schwach
verändert. Dabei zeigten alle Teilnehmer eine individuelle Stabilität
in der Differenziertheit ihres Körperbildes. Mädchen malten
in allen Altersstufen differenzierter als Jungen.
Reimar du Bois (1990) untersuchte die Entwicklung des Körpererlebens
in der Pubertät und im Jugendalter. Er führte mit je fünfzig
gesunden und schizophrenen Jugendlichen ausführliche Gespräche
zu ihrer Körperempfindung, -anschauung und -besorgnis. Er stellte
fest, daß sich das Körpererleben mit dem Gestaltwandel in der
Pubertät, der Veränderung des gesamten Erlebenishorizontes und
der sozialen Rolle zunächst stark intensiviert. Mit der Intensivierung
von Körperempfindungen steigert sich auch die emotionale Erlebnisfähigkeit;
sie erreicht in dieser Zeit einen Höhepunkt und eine neue Qualität.
Es entsteht ein neuartiges Bewußtsein der eigenen unverwechselbaren
personalen Existenz, aber auch der Einsamkeit und der seelisch-körperlichen
Verletzlichkeit. Die Auseinandersetzung mit philosophischen Lebenskonzepten
und mit der eigenen Sterblichkeit ist ein wichtiges Thema dieser Entwicklungsphase.
Starke Gefühle der Destabilisierung, das Empfinden, existentiell
ausgeliefert und durch eine zu schwache Körpergrenze ungeschützt
zu sein, brachten vor allem die schizophrenen Jugendlichen zum Ausdruck.
Sie hatten zudem meist große Schwierigkeiten, ihre Erfahrungen verbal
auszudrücken. Ihr Erleben machte auch deutlich, daß ein sicherer
Realitätsbezug ohne sicheren Bezug zum eigenen Körper nicht
möglich ist. Das Körperbild der schizophrenen Jugendlichen war
im Vergleich zu dem der Gesunden wesentlich kindlicher, zeigt Verzerrungen,
die von Gefühlen des Ich-Verlustes begleitet waren. Die Körperempfindungen
der schizophrenen Jugendlichen waren oft bizarr und realitätsfern.
Gefühle der Verwirrung und Schutzlosigkeit versuchten sie zum Teil
durch Starre zu kontrollieren. Wenn ein akuter schizophrener Schub überwunden
war, wurden weite Teile des Körperempfindens aus der bewußten
Wahrnehmung ausgeschlossen. Die Untersuchung zeigte auch: Am Ende der
Pubertät verblaßt das spontane und intensive Körpererleben.
Die äußere Anschauung des Körpers tritt in den Vordergrund
und führt zu einer stark außengeleiteten Orientierung und Bewertung
des eigenen Körpers.
Untersuchungen zum Körpererleben Erwachsener machen deutlich,
daß das Ausmaß an Selbstsicherheit und Zufriedenheit, das
ein Mensch empfindet, in signifikantem Zusammenhang mit der Wahrnehmung,
dem Erleben des Körpers und der Zufriedenheit mit ihm steht.
Zusammenfassung:
Das Körperbild eines Menschen enthält entwicklungsgeschichtlich
sowie kulturell und geschlechtsspezifisch vermittelte Erfahrungen mit
dem Körper. Zugleich sind diese Erfahrungen mit der persönlichen
Lebensgeschichte verbunden, mit ganz spezifischen Gefühlen und Wertungen.
Und so ist das Körperbild als komplexes inneres Erfahrungsmuster
auch Grundlage des Selbstbildes, des Lebensgefühls und des Kontaktes
zur Realität. Die körperbezogenen Erfahrungen werden mittels
des Körperbildes in einer spezifischen Art organisiert, die bestimmt,
wie ein Mensch seinen Körper erlebt, welche Verbindung er zu ihm
hat und wie er mit ihm, mit sich und anderen umgeht.
Bei überfordernden Bedrohungen im Zusammenhang mit Gefühlen
von Angst und Wut oder Hilfs- und Hoffnungslosigkeit können sich
Körperstrukturen übertrieben verfestigen oder auch auflösen
und erschöpft in sich zusammensinken. Die Kontrolle, Unterdrückung
und Abspaltung von Körperempfindungen und Gefühlsreaktionen
ist für Kinder oft die einzige Möglichkeit, Schmerz, Gewalt,
Vernachlässigung zu überleben. Wiederholen sich traumatische
Erfahrungen, dauern sie lange an oder werden emotionale Äußerungen
ständig abgewiesen, kann die Abspaltung der Eigenwahrnehmung chronisch
werden.
Was somit als Persönlichkeit empfunden wird, ist ein erlerntes Muster
seelischer Haltung das sich mit der Körperstruktur verfestigt. Der
Körpertherapeut Stanley Kelman (1992), zeigt typisierte Zusammenhänge
einer Körper- und Persönlichkeitsstruktur, die er „rigide“
nennt. Sie entwickelt sich als Antwort auf ein Familienklima, in dem das
Kind für bestimmte Bedürfnisse kämpfen muß und in
dem der Ausdruck von Empfindsamkeit undZärtlichkeit gehemmt ist.
Eine solche Familie wird zwar die grundlegende emotionale Unterstützung
geben, die Eltern lassen das Kind nicht im Stich und mißbrauchen
es nicht. Sie erwarten jedoch von ihm in bestimmten Situationen, daß
es seine Lebensimpulse begrenzt. So erlebt es zum Beispiel, daß
sein Verlangen nach Nähe und der Ausdruck von Einsamkeit, Traurigkeit
und Weinen unerwünscht oder gefährlich sind. Es entwicklet eine
grundlegende Fähigkeit, sich durchzusetzen, lernt jedoch, spezifische
Erregungsimpulse zu kontrollieren. Mit der Anpassung an die Erwartungen
und mit der dauerhaften Kontrolle bestimmter Bedürfnisse verliert
es an Flexibilität; das Spektrum seiner Verhaltensmöglichkeiten
und seines Gefühlsausdrucks reduziert sich. In dieser Haltung versteift
sich der Mensch gegen Bedürfnisse, die er von innen spürt, und
kontrolliert Gefühle der Einsamkeit und Schwäche, indem er sich
vergrößert und andere klein erscheinen läßt. In
der Fixierung dieser dominanten Haltung erwirbt er die Illusion von Unabhängigkeit
und Selbstbehauptung. Mit seiner Haltung vermittelt er der Welt Botschaften
wie „Ich sage dir, was du tun sollst“, „Ich bin größer
als du“, „Gib mir Beachtung und Anerkennung“ oder weist
Forderungen trotzig zurück: „Ich will nicht.“ Er versteift
sich gegen Empfindungen von Einsamkeit und Angst und zugleich gegen die
große Sehnsucht, innerlich berührt zu werden, angenommen und
geliebt zu sein. Situationen unmittelbarer mitmenschlicher Nähe erlebt
er als gefährlich, denn in ihnen besteht das Risiko, Unvertrautes
zu erleben, innerlich angerührt zu werden und sich im Weinen zu lösen,
das heißt sich klein und hilflos zu fühlen.
Die Beziehung, die wir zu unserem Körper haben, ist untrennbar mit
unsere Beziehung zu uns selbst und unserer Umwelt verbunden. Sie ist lebensgeschichtlich
gewachsen, für uns selbstverständlich und nur schwer in Worte
zu fassen. Indem man lernt, den eigenen Körper bewußt zu spüren,
können eingefleischte Widerstandsmuster und eingeschnürte Bedürfnisse
wieder zugänglich werden. Es ist möglich, mit Hilfe der bewußten
Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit die lebensgeschichtlichen Wurzeln
der eigenen Struktur zu erkunden. Daraus kann eine neue Orientierung und
Erweiterung der Lebensperspektive erwachsen.
Bei allen neurotischen, psychosomatischen und psychotischen Störungen
ist es wichtig, die Entfremdung zum Körpererleben zu überwinden.
Man muß sich jedoch klar darüber sein, daß dabei kindliche
Erlebnisprozesse und belastende Erfahrungen berührt werden.
Im Kontakt mit dem Körperbild
Frau Frauke Teegen bietet Innenweltreisen als Übung an und nennt
sie „Reise durch den Körper.“ Die Übung hat oft
eine angenehme entspannende Wirkung, doch dies ist nicht ihr wesentliches
Ziel. Sie richtet vielmehr die Eigenwahrnehmung auf körperliche Prozesse,
auf das Zusammenspiel von Soma und Psyche und erlaubt relativ angstfrei
die Erkundung ganz persönlicher Bedeutungsmuster. Mit dem Schließen
der Augen, der Hinwendung zum inneren Spüren und „Sehen“
lockern viele Menschen ihre Kontrollhaltung gegenüber Umweltreizen
und fühlen daher Entspannung, sie sind „mehr bei sich“.
Ein erster Hinweis auf diese Übung findet sich in einer alten indischen
Schrift, die etwa fünftausend Jahre alt ist. Das „Vigyana Bhairata
Tantra“ enthält 112 Anleitungen zur Imagination und Meditation.
„Schließ die Augen und nimm Dich von innen genau wahr. Erkenne
so deine wahre Natur“, heißt es in dem alten Text.
Die Übung erleichtert den Wechsel der Wahrnehmungsperspek-tive mit
dem Fühlen und Sehen von innen wird die psychosomatische Struktur
zugänglich, wir berühren das Körperbild und können
die mit ihm verbundenen Empfindungen und Lebenserfahrungen erfassen. Mit
der nach innen geführten Wahrnehmung kann man spüren, welche
Körperbereiche verletzt und abgetrennt sind von der eigenen Struktur,
man kann solche Abspaltungen aufklären und verletzten Bereichen Energie
zuführen. Im allgemeinen erkennt man zunächst nicht die „wahre
Natur“, sondern Widerstandsmuster die uns von ihr trennen.
Vielen Menschen sind die unterschiedlichen Erlebnisebenen zwischen Schlafen
und Wachsein nicht vertraut. Manche Teilnehmer überhören einige
Schritte der Anleitung und nehmen so mit einigen Körperbereichen
keinen Kontakt auf. Andere beginnen sich bei der Erwähnung bestimmter
Körperbereiche zu bewegen oder ihren Atem zu vermindern. Durch solche
Reaktionen werden meist unangenehme Körperempfindungen und damit
verbundene Gefühle und Erinnerungen an Lebensbelastung vermieden.
Anschließend malen alle Teilnehmer ihre ganz unterschiedlichen,
individuellen Erfahrungen. In ihnen zeigen sich ganz bestimmte Gefühls-
und Lebensmuster in denen sie verhaftet sind. Über diese Bilder wird
anschließend gesprochen und somit der Kontakt sowohl zu den Lebensbelastungen
und den Ängsten wie auch zu Empathie, Kreativität und Selbstwertgefühl
aktiviert - Empfindungen, die meist lange unter Verschluß gehalten
wurden.
Folgende
Abbildung zeigt die Darstellung einer neunzehn jährigen Frau, die seit
zwei Jahren nach der Scheidung der Eltern an einer schweren bulimischen
Eßstörung litt. Sie erlebte täglich bis zu zwölf Heißhungerattaken
und erbrach bis zu sechs Mal. Psychologische Tests ergaben, daß sie
ihre Wahrnehmung überstark - hypochondrisch - auf Körpervorgänge
richtete und in ihrem emotionalen Ausdruck gehemmt war. Bei der Übung
spürte sie sich „in meinen Bauch“ und malte sich als kleine,
gelbe, embryonenhafte Form. Das kleine Wesen wird an vielfältigen Impulsen
vor allem an Kopf und Bauch getroffen. Das Bild zeigt, wie klein und schutzlos
sich die junge Frau fühlt. Sie müßte die emotionale Bedeutung
ihrer Körperempfingen im Kontext ihrer Lebensgeschichte erkunden. Die
Angaben der jungen Frau zu Belastungen in der Kindheit, legen die Vermutung
nahe, daß sie sexuell ausgebeutet und in der Entwicklung ihrer Körper-Ich-Grenze
verletzt wurde.
Nebenstehende Abbildung zeigt das Bild einer
zweiundfünfzigjährigen Frau, die an Brustkrebs erkrankt war.
Die Gestalt wirkt sehr kindlich. Sie ist nur im Umriß, klein und
unscheinbar in die rechte untere Bildecke gemalt. Ihre wichtigste Erfahrung
bei der Übung war: „Ich fühlte mich klein
und sehr unsicher.“ Die Bildaussage wurde durch psychologische Testdaten
bestätigt. Sie zeigten, daß es für diese Frau wichtig
ist ihre gefühlsmäßige Zurückhaltung, vor allem die
Abwehr aggressiver Impulse, zu erkennen und ihre Bedürfnisse in alltäglichen
Situationen stärker zum Ausdruck zu bringen. Die Stellung der Person
im unteren rechten Bildrahmen läßt vermuten, daß sich
die scheue Zurückhaltung in der Beziehung zur Mutter entwickelte.
Reine Umrißzeichnungen deuten einen Mangel an Vitalität an
und eine Unfähigkeit sich selbst zu spüren. Sie stammen häufig
von schwerkranken Menschen. Jolande Jacobi (1985) weißt daraufhin,
daß sehr sparsame Darstellungen, die nur Konturen zeigen, auf ein
„Nichtgebenkönnen“, „Nichtgebenwollen“ hindeuten,
auf eine „Angst, die den Einsatz fürchtet“ und sich auf
ein „Minimum an Hingabe und Festlegung“ beschränken möchte.
Mit der gemalten Körpergrenze stellt ein Mensch dar, inwieweit er
sich von der Umwelt abgrenzen und unterscheiden kann. Unterbrochene, gestrichelte
Grenzzeichnungen finden sich häufig in den Bildern kranker Menschen.
Sie zeigen genau, welche Körperbereiche mit Angst, Unsicherheit und
Unzulänglichkeit verbunden sind. Solche Bilder bringen eine empfundene
Verletzlichkeit und Schutzlosigkeit zum Ausdruck und zeigen dem Malenden,
daß er lernen muß, sich besser abzugrenzen, zu wehren, zu
behaupten.
Folgende
Abbildung zeigt das Körpererleben einer dreiundzwanzigjährigen
Frau. Die Figur ist von einem grau-schwarzen Hintergrund umgeben und nur
durch eine zarte gelbe Umrißliniegeschützt. Die Dunkelheit
des Hintergrundes, die sie als Atmosphäre von Angst und Bedrängnis
fühlte, scheint in Füße, Beine, Hände und die Brust
eingeflossen zu sein. Den Unterleib, der durch die linke Hand geschützt
wird, spürte sie warm, das Rot setzt sich in Hals und Kopf fort.
Die junge Frau leidet seit ihrer Kindheit an Neurodermitis und Asthma.
Sie hat große Schwierigkeiten, ihre Gefühle - vor allem aggressive
Impulse - wahrzunehmen und auszudrücken, und ist unfähig, Konflikte
im Alltag auszutragen. Sie hat ein starkes Bedürfnis nach Schutz
und Geborgenheit und noch keine Eigenständigkeit gegenüber Bezugspersonen
gefunden.
Bei kranken Menschen tritt häufig der akut erkrankte oder schmerzende
Körperbereich ganz in den Vordergrund der Aufmerksamkeit und wird
auch im Bild besonders hervorgehoben, während sie andere Körperbereiche
und gesunde Funktionen weniger klar spüren und auch in der Darstel-lung
„vergessen“. Die fehlenden Körperbereiche geben oftmals
einen Hinweis darauf, was ein Mensch dringend benötigt, um sein Wohlbefinden,
seine Lebendigkeit und Handlungsfähigkeit zu stärken.
Längsschnittuntersuchungen zur Entwicklung von Körperzeichnungen
zeigten, daß sich die Körperwahrnehmung nach dem vierzehnten
Lebensjahr im allgemeinen nicht mehr bedeutend differenziert. Danach kann
man vermuten, daß Menschen unserer Kultur Lebenserfahrungen, die
sie nach der Geschlechtsreife machen, oftmals nicht in ihr Körperbild
integrieren, so daß gemalte Körperbilder jünger wirken
als die reale Person. Diese Vermutung bestätigte sich bei sehr vielen
Bildern, die ich gesehen habe. Swantje Ohl (1988) fand, daß nur
7 der 63 von Erwachsenen gemalten Bilder auch erwachsene Menschen darstellten.
Im Mittel zeigten die Bilder etwa achtjährige Personen, gaben also
eine vorpubertäre, kindliche Entwicklungsphase wieder - dabei unterschieden
sich Frauen und Männer nicht. Das mit dem Körperbild angedeutete
Alter gibt jedoch oft einen Hinweis darauf, wann jemand schwierige und
traumatische Erfahrungen durchlebt hat, die noch nicht verarbeitet und
integriert werden konnten. Solche konflikthaften Lebenserfahrungen kann
man anhand der Bilder erkunden - vor allem, wenn der Betrachter sich in
das Bild hineinversetzt und einmal zu spüren versucht, wie sich der
dargestellte Mensch fühlen mag, wie es ihm geht, was er braucht.
Wenn man sich dem eigenen Körperbild zuwendet, spürt man oft,
wie sich damit ein jüngeres Selbstbild - zunächst oft scheu
und vorsichtig - zeigt. Das Kind, das wir einst waren und das noch heute
in uns lebt, rührt auch elterliche Impulse an: das Bedürfnis,
es zu verstehen, zu beschützen, zu ermutigen, zu stärken.
Disharmonien in der Körperwahrnehmung sind immer mit persönlichen
Lebenserfahrungen verbunden. Disharmonien zwischen der rechten und der
linken Körperseite werden besonders häufig empfunden und dargestellt.
Viele Teilnehmer berichten auch, daß immer wieder dieselbe Körperseite
von Spannung, Schmerz, Erkrankungen oder auch Verletzungen (bei Unfällen)
betroffen ist. Häufig können sie diese Körperseite weniger
gut spüren, oder sie wirkt kleiner, kühler, unvitaler, leer.
Manche Menschen haben auch den Eindruck, daß ihre beiden Körperseiten
völlig verschieden sind und zwei Seiten ihrer Persönlichkeit
darstellen. Brigitte Matz (1990) beobachtete, daß in den Körperbildern
von fünfzehn an Brustkrebs erkrankten Frauen jeweils die gesamt Körperseite,
an der sich der Tumor entwickelt hatte, disharmonisch wirkte. Auf dieser
Seite war die Schulter besonders verspannt oder hochgezogen, waren Arm
und Bein dünner oder verkürzt gemalt.
Die rechte Körperseite ist sensorisch und motorisch mit der linken
Großhirnhemisphäre verbunden, die Informationen über die
Realität eher analytisch, sequentiell, logisch und linear auf schlüsselt.
Die linke Körperseite dagegen steht mit der rechten Hemispäre
in Verbindung, die Informationen über die Realität eher ganzheitlich,
bildhaft und intuitiv-emotional auswertet. Menschen, deren rechte Körperhälfte
kräftiger entwickelt oder in der Eigenwahrnehmung stärker repräsentiert
und spürbar ist, bevorzugen oft eine von Logik, Vernunft und Aktivität
bestimmte Einstellung und Handlungsweise, während bei Menschen, deren
linke Körperhälfte stärker entwickelt oder in der Eigenwahrnehmung
stärker repräsentiert und spürbar ist, stimmte Einstellung
und Handlungsweise, während bei Menschen, deren linke Körperhälfte
stärker entwickelt oder in der Wahrnehmung repräsentiert ist,
oft gefühlsmäßig-intuitive und passiv-empfängliche
Haltungen betont sind.
Die
Abbildung zeigt das Bild einer neunundzwanzigjährigen Frau. Körpers
wird durch den aufgesetzten Kopf in Schach gehalten und durch Gedanken
gehemmt und kontrolliert. Sie explodiert im Bauch. Hände und Füße
sind abgeschnitten. Der in den Gliedmaßen dargestellte Energiestrom
findet keine Ausdrucksmöglichkeit und strebt ins Leere. Die Frau
kontrolliert ihre Gefühle stark, vor allem den Ausdruck aggressiver
und sexueller Triebkräfte. Sie malt ihren Körper vor einem grünen
Hinter-grund. Mit dieser Farbe drückt sie die Hoffnung aus, «daß
es vielleicht irgendwann möglich sein wird, mehr von meinen Gefühlen
herauszulassen». Mit ihrem Bild macht sie deutlich, daß sie
dazu ihre Vitalität annehmen, ihre kognitive Kontrolle lockern und
ihre Handlungsfähigkeit und Standfestigkeit stärken muß.
Die Abbildung zeigt das Körperbild einer an Brustkrebs erkrankten
einundfünfzigjährigen Frau. Es ist sorgfältig und in sensiblem
Kontakt mit der Körperwahrnehmung gemalt. Die Verzerrungen im Oberkörper
bilden Verletzungen ihres Körper-erlebens sehr genau ab. Im Zusammenhang
mitdem Tumor in der
Der aufgesetzte Kopf kontrolliert vitale Energie |
linken Brust und seiner operativen Entfernung empfand
die Malerin starkeSpannungen in Brust, Schultern und Armen. Der linke
Brustbereich fühlte sich kalt an (türkis ausgemalt), und die
Verbindung zu Armen, Hals und Kopf sowie deren Proprtionen hat sich als
verzerrt erlebt.
Die
folgende Abbildung zeigt das Körpergefühl einer neunundzwanzigjährigen
Frau, die als Kind jahrelang von ihrem Onkel sexuell mißbraucht
worden ist. Wie viele Opfer sexueller Gewalt hat sie ihre Erfahrung lange
schweigend ertragen und sich selbst dafür die Schuld gegeben. Obwohl
es ihr schwerfiel, mit ihrem Körper Kontakt aufzunehmen, stellt sie
ihre Wahrnehmungen mutig und ausdrucksstark dar. Sie kann ihren Körper
nur teilweise spüren und nimmt ihn eher von außen - wie durch
eine Wand - wahr. Nur die Augen sind lebendig (und farbig - türkis
- gemalt). Sie drücken Hilflosigkeit, Angst, „unendliche Traurigkeit“
aus und die Sehnsucht, verstanden zu werden. Mit den schwarzen Schraffierungen
deutet die Frau schmerzhafte Spannungsmuster an, mit denen sie Gefühle
ohnmächtiger Wut zurückhält. Die Aggressionen, die sie
gegenüber dem Täter nicht ausdrücken konnte und auch heute
noch verschweigt und zurückhält, wenden sich - als verletzende
(Selbstmord-) Gedanken, Migräne, Haareausreißen - gegen das
eigene Selbst, den eigenen Körper. Der Genitalbereich schützt
sich mit verstärkter Behaarung, die Brüste machen sich durch
Erschlaffung unattraktiv. Die Füße sind nicht spürbar,
es fehlt an festem Halt und Standfestigkeit. „Ich habe Haß
auf meinen Körper“, schreibt die Frau.
Mit ihrem Bild zeigt sie stellvertretend für viele Betroffene, wie
schwerwiegend ein Kind durch sexuellen Mißbrauch verletzt wird und
wie tiefgreifend sich eine solche Grenzverletzung auf die Entwicklung
des Selbstwert- und Körpergefühls auswirkt. Das Bild und die
geschilderten Empfindungen verdeutlichen jedoch auch, wie wichtig es ist,
sich die körperliche Eigenwahr-nehmung wieder anzueigenen, um zu
erkennen, daß man sich immer noch mit kindlichen Widerstands-mustern
schützt, auch wenn die akute Bedrohung nicht mehr vorhanden ist.
Die
Schwere und Art der entwickelten Körper- und Verhaltensstörung
entspricht im allgemeinen der Schwere des erlittenen Traumas und betrifft
körperliche, seelische, geistige und soziale Erlebnisdimensionen
wie auch ihr Zusammenspiel. Schwere Eßstörungen, zum Beispiel
Magersucht, gehören zu den das Leben gefährdenden Erkrankungen.
Sie werden meist von Mädchen mit Beginn der Geschlechtsreife und
häufig im Zusammen-hang mit einmaligem oder auch langjährigen
sexuellen Mißbrauch entwickelt. Die Heilung der erlebten körperlichen
und seelisch-geistigen Grenzver-letzung, des Identitäts- und Selbstgefühls
ist immer ein langwieriger Prozeß. „Ich lebe mit diesem Holzkörper,
wie so eine Marionette, aber ohne Fäden. Total starr. Eine gut funktionierende
Puppe. Ich mußte den Erwartungen entsprechen. Ich mußte mich
schützen, daß ich das bißchen Leben noch behalte. Ich
bin das nicht selbst. Ich habe keinen Bezug zu mir.“ Die Symptome
dauerten bis zu ihrem zweiundzwanzigsten Lebensjahr an; sie verminderten
sich allmählich während einer Psychotherapie.
Körperliche Abwehr und seelisches Erleben
In den letzten Jahren hat sich unser Wissen über Arbeitsweise und
Bedeutung des Immunsystems und über den Zusammenhang zwischen neuronalen,
immunologischen, hormonellen und emotionalen Prozessen sehr erweitert.
Wir wissen heute, daß das Immunsystem, das unsere körperliche
Identität und unser Überleben sichert, nicht isoliert arbeitet.
Es steht vielmehr in einem ständigen Informationsaustausch mit dem
Gehirn und ist über ein chemisches Kommunikationsnetz mit allen organismischen
Funktionen verbunden. Über diese Verbindungen reagiert das Immunsystem
auch auf psychosoziale Belastungen und seelische Erfahrungen. Neuere Forschungen
zeigen, daß das Immunsystem nicht nur hochdifferenziert ist, sondern
auch über eine Erinnerungs- und Lernfähigkeit verfügt.
Cadace Pert (1991), eine führende Expertin auf dem Gebiet der Neurobiologie,
schlägt sogar vor, das
Immunsystem als eine Art Sinnesorgan zu betrachten, das
sich in Gestalt der Immunzellen frei im Körper bewegt. Aus einigen
Untersuchungen geht auch hervor, daß die Immunität durch Entspannung
und Imaginiation angesprochen und modifiziert werden kann. Damit ein Immunsystem
effektiv funktioniert, muß eine große Zahl verschiedener Zellen,
Moleküle und Signalstoffe in einer fein abgestimmten Art und Weise
zusammenwirken. Bei körperlich-seelischen Schwächezuständen
versagt diese Regulation, so daß unreife, intolerante Immunzellen
in die Blutbahngelangen, die nicht angemessen zwischen körpereigen
und körperfremd unterscheiden können.
Körperbild während und nach Überwindung
einer schweren Eßstörung |
T-Helferzellen sind bersonders gut trainierte Immunzellen.
Sie haben eine übergeordnete Funktion bei der Erkennung von Krankheitserregern,
bei der Aktivierung eines Abwehrkampfes und bei der Anleitung anderer
Immunzellen. Sind T-Helferzellen geschwächt oder in ihrer Anzahl
reduziert, hat dies erhebliche Folgen für die Abwehrfähigkeit.
Ohne angemessene Aktivierung und Anleitung durch Helferzellen wird ein
Immunsystem führerlos und „faul“ - ohne auf gezielte
Abwehr zu stoßen, können sich Viren, Bakterien, Pilze und Krebszellen
im Körper ausbreiten.
Der aktivierenden Tätigkeiten der T-Helferzelle wirkt die T-Hemmzelle
entgegen. Die Hemmzelle ist ähnlich gut geschult und achtet darauf,
daß das Immunsystem nicht zu aktiv wird. Sie bremst überschießende
Immuntätigkeit, die körpereigenes Gewebe schädigen könnte.
In einem gesunden Immunsystem ist das Verhältnis von Helfer- und
Hemmzellen zwei zu eins. Wird dieses regulative Gleichgewicht gestört,
kann es zu einer Lähmung der Abwehrtätigkeit kommen (Überzahl,
Überaktivität der Hemmzellen) oder umgekehrt zu einer autoaggressiven
Zerstörung körpereigener Gewebezellen (Überzahl, Überaktivität
der Helferzellen), wie sie bei verschiedenen Autoimmunerkrank-ungen auftritt.
T-Killerzellen werden bei Bedarf von der Helferzelle aktiviert; sie greifen
körperfremde Zellen an, indem sie deren Zellhülle verletzen
und sie so zum Platzen bringen. T-Killerzellen sind auch für die
Beseitigung virusinfizierter Körperzellen und abnormaler Körperzellen
von großer Bedeutung. Grundinformationen zur Immunität werden
vor der Geburt durch die Placenta und in der Stillzeit durch die Muttermilch
auf das Kind übertragen.
Das Abwehrsystem kann jedoch auch überaktiv reagieren. Dann entwickelt
es überschießende, allergische Reaktionen - Juckreiz, Heuschnupfen,
Asthma - auf eigentlich harmlose Substanzen oder greift irrtümlich
körpereigenes Gewebe an.
Die verschiedenen immunologischen Fehlreaktionen und die damit verbundenen
Krankheiten veranschaulicht das folgende Schema:
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Überaktiv, unsinnig |
Zu schwach |
| Reaktion auf äußere Reize |
Allergien |
(häufige, schwere) Infektionen |
| Reaktion auf innere Reize |
Autoimmunerkrankungen |
Krebs |
| Störungen des Immunsystems. Nach Borysenko 1987. |
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Zwischen dem Zentralnervensystem und dem Immunsystem wurden
zahlreiche Wechselwirkungen beobachtet. Zentralnervöse Prozesse können
immunologische Reaktionen auf vielfältige Weise beeinflussen, und
die Immunantworten wirken auf zentrale Prozesse zurück. Das bedeutet:
Emotionen, Kognitionen, Verhaltenstendenzen und Immunreaktionen hängen
zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Diese Interaktionen werden
über das autonome Nervensystem und vor allem über signalgebende
Stoffe (Hormone, Neurotransmitter, körpereigene Opiate) übermittelt.
Das lymphatische Gewebe wird sowohl sympathisch als auch parasympathisch
innerviert. Elektrische Reizungen im Hypothalamus modifizieren die Immunaktivität
- bei verstärkter Immuntätigkeit wurden im Hypotbalamus spezifische
Aktivierungsmuster beobachtet (Besedovsky 1977).
Immunzellen nehmen biochemische Signale über spezifische Rezeptoren
auf und produzieren ihrerseits Signalstoffe, um Informationen weiterzugeben.
Sowohl das Zentralnervensystem als auch das Immunsystem sind daher über
alle psychophysiologischen Prozesse informiert und tauschen sich darüber
aus.
Unter Belastungen - bei Auslösung der Alarmreaktion - werden die
immunologischen Prozesse durch Streßhormone moduliert. So kann Adrenalin
innerhalb kürzester Zeit einen Anstieg der Killerzellenaktivität
bewirken, langfristig kann es die Antikörperproduktion hemmen und
- über eine Aktivierung der Hemmzellen - die Immunkraft dämpfen.
Noradrenalin aktiviert die Killerzellen und dämpft die Freßzellen.
Erhöhte Kortisolwerte dämpfen überschießende Immunreaktionen.
Normalisiert sich der Streßhormonspiegel, kehrt auch das Immunsystem
zur Homöostase zurück. Dann werden zum Beispiel durch Insulin
und Wachstumshormone die T- und B-Zellen gestärkt. Setzt eine Schon-
und Rückzugsreaktion unter Angst, Depression und Hilflosigkeit ein,
wird die Immunfunktion (über einen weiterhin erhöhten Kortisolspiegel)
jedoch weiterhin gedämpft und langfristig geschwächt. Von besonderer
Bedeutung für Störungen der Immunfunktion scheinen gelernte
Reaktionen auf Belastungen zu sein, die dem Menschen das Gefühl geben,
daß sein Handeln sinnlos ist - so daß er sich als Opfer widriger
Umstände und ohne aktive Kontrolle erlebt. Viele Störungen der
Immunreaktion konnen als erlernt betrachtet werden. Sie wurden - im Kontext
komple xer Verhaltensantworten - unter traumatischen Bedingungen erworben
und treten auch dann noch auf, wenn die ursprunglich \ erlebte Gefährdung
real nicht mehr vorhanden ist. Um sie auszulösen, genügt es,
daß ein oder mehrere Situationsmerkmale vorhanden sind, die mit
dem traumatischen Erlebnis assoziiert sind und unterschwellige Erinnerungen
an die Unfähigkeit zur Kontrolle aversiver Reize wecken.
Ich möchte diese Zusammenhänge am Beispiel einer Katzenallergie
verdeutlichen. Eine junge Frau hatte vor einigen Jahren begonnen, in der
Gegenwart von Katzen Juckreiz und Atembeschwerden zu entwickeln. Die Beschwerden,
die auf einer übermäßigen Immunreaktion beruhen, verschlimmerten
sich und traten zum Teil auch auf, wenn sie sich nur vorstellte, einer
Katze zu begegnen. Im Rahmen einer Psychotherapie gelang es ihr, den Beginn
der allergischen Reaktion aufzuklären: Sie war von einer Reise frühzeitig
zurückgekehrt und freute sich darauf, ihren Freund zu überraschen.
Sie betrat die gemeinsame Wohnung leise und fand ihn im Schlafzimmer,
im Bett mit einer anderen Frau. Obwohl sie heftige Eifersucht, Wut und
Haß spürte, schloß sie die Tür wieder und verließ
die Wohnung unbemerkt. Sie sprach mit ihrem Freund nicht über das
Erlebnis, fühlte sich jedoch von ihm zutiefst betrogen. Ihr Schweigen
wurde im Zusammenhang mit sexuellen Mißhandlungen im Kindesalter
verständlich. Nach diesem Erlebnis begann die Katzenallergie. Sie
mußte ihre Katze die sie sehr liebte weggeben. Erst nachträglich
wurde deutlich: Die Katze war ebenfalls im Schlafzimmer gewesen, und jede
Begegnung mit dieser und auch anderen Katzen rief unterschwellig heftige
Wut, Trauer und Hilflosigkeit, zugleich aber auch die Unterdrückung
des Emotionsausdrucks hervor, so daß die junge Frau ihre Gefühle
nicht bewußt wahrnehmen und nicht offen für ihre Bedürfnisse
eintreten konnte. Mit dem Einblick in die Zusammenhänge nach der
Entwicklung offener Gefühls- und Verhaltensreaktionen milderten sich
die allergischen Symptome.
Tierexperimente haben gezeigt, daß immunologisch geschwächte
Tiere ihre Symptome offenbar wahrnehmen und aktiv nach Möglichkeiten
der Selbstmedikation suchen. So besitzen zum Beispiel Nagetiere die Fähigkeit,
Assoziationen zwischen einem bestimmten Geschmack und immunologischen
Symptomen herzustellen. Mäuse mit einer Autoimmunkrankheit nahmen
bereitwillig süße Milchshakes auf, die mit einem Immunsuppressor
versetzt waren. Gesunde Mäuse lernten dagegen sehr schnell, dieses
Nahrungsmittel zu meiden. Während das beigemengte Medikament die
gesunde Immunfunktion schwächt, beruhigt es irritierte und überaktive
Immunfunktionen, die das eigene Körpergewebe schädigen. Offensichtlich
können Mäuse Veränderungen des immunologischen Gleichgewichts
wahrnehmen. Sie meiden Bedingungen, die sie schwächen, und suchen
nach Möglichkeiten, die Homöostase zu verbessern. Diese „organismische
Weisheit“ beruht auf biochemischen Selbstregulationen (Feedbackschleifen
zwischen optischen Reizen, Geschmacksanalysen, neuro- und biochemischen
Prozessen), mit dem Tiere zum Beispiel gezielt nach Nahrungsmitteln suchen,
die einen bestimmten Mangel im Körper ausgleichen können. Auch
Menschen haben solche „Antennen“, die jedoch durch „Ernährungswissen“
oft überdeckt sind: Schon Babies sind in der Lage, die für sie
passende Milch auszuwählen. An Rachitis erkrankte Kinder entwickelten
eine spontane Vorliebe für den sonst verpönten Lebertran, der
ihren Krankheitssymptomen entgegenwirkte.
Psychoneuroimmunologieee
Die Psychoneuroimmunologie befaßt sich mit Zusammenhängen zwischen
spezifischen Lebenssituationen, seelischem Befinden, Persönlichkeitsmerkmalen
und dem Immunstatus. Die Psychologin Janice Kiecolt-Glaser und der Immunologe
Ronald Glaser (1988, 1991) untersuchten Menschen, die verschiedene Belastungen
durchlebten, und konnten parallel dazu immunologische Veränderungen
bei ihnen nachweisen. So fanden sie eine Abnahme der Killerzellen- und
Helferzellenaktivität bei Medizinstudenten während längerer
Block-Examina. Von großer Bedeutung für den Immunstatus scheint
auch die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen und das Ausmaß
sozialer Unterstützung zu sein: Bei Studenten, die sich einsamer
fühlten als ihre Kommilitonen, war die Killerzellenaktivität
vermindert. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen Untersuchungen zum Immunstatus
von Menschen, die ihre Partnerschaft als ungünstig erlebten, die
sich von ihrem Partner getrennt hatten oder deren Partner gestorben war.
Nach Trennungs- und Verlusterfahrungen ist (verbunden mit einer Immunschwäche)
das Risiko, an Infektionen oder auch Krebs zu erkranken, erhöht.
Für spezifische Phasen der Trauerreaktion und für Depressionen
konnten deutliche Schwächungen der Immunfunktion nachgewiesen werden.
(Kronfold 88, Schleifer 83) Untersuchungen an Familienangehörigen
und Betreuern von Patienten, die an der Alzheimerschen Krankheit litten,
zeigten, daß sie sich im Vergleich zu Kontrollpersonen belasteter,
depressiver fühlten und ihre Immunfunktionen signifikant schwächer
waren. Dies könnte auch auf Betreuer anderer Schwerkranker zutreffen.
Verschiedene Forscher (Locke 1984; Tecoma & Leighton 1985) haben darauf
hingewiesen, daß nicht alle Menschen auf Lebensbelastungen mit Störungen
der Immunfunktion reagieren. Wichtiger als die objektiven Stressoren scheint
die subjektiv-emotionale Bewertung der Situation zu sein: Vor allem das
Ausmaß erlebter Feindseligkeit, Angst, Hilflosigkeit, Einsamkeit,
Depression beziehungsweise das Vertrauen, die Belastung bewältigen
zu können. So zeigten die Untersuchungen von Locke und seinen Mitarbeitern
keine signifikanten Zusammenhänge zwischen objektiv eingeschätzten
Belastungswerten und der in verschiedenen Zeitabständen untersuchten
Immunfunktion bei Studenten. Als in die Analyse jedoch Persönlichkeitsmerkmale
(Depression, Ängstlichkeit, Zwanghaftigkeit) einbezogen wurden, zeigten
sich sehr interessante Ergebnisse:
Menschen mit einem höheren Ausmaß an seelischen Störungen
waren Lebensveränderungen und Belastungen weniger gut gewachsen und
reagierten auch mit einer Verminderung der Immunkompetenz, während
psychisch stabile Personen dieselben Belastungen besser bewältigten
und zugleich eine höhere Immunkompetenz hatten.
Wichtig für die gesunde Immunität scheint die Erfahrung zu sein,
bei Belastungen eine gewisse Kontrolle über die Lebenssituation zu
haben. Angst und Hoffnungslosigkeit, das Gefühl, einer schwierigen
Situation nicht entfliehen und sie nicht kontrollieren zu können,
beeinträchtigen die Immunfunktion besonders stark. Dies ist vor allem
in Tierversuchen gut nachgewiesen. So reagierten Ratten, die aversiven
Reizen hilflos ausgeliefert waren, mit einer Verminderung der Killerzellenaktivität.
Ratten, die unter Versuchsbedingungen lebten, in denen sie lernten, die
aversiven Reize durch ihr Verhalten zu kontrollieren, entwickelten dagegen
besonders aktive T-Lymphozyten (Laudenslager & Maier 83).
Zusammenhänge zwischen dem Immunstatus und aktiver beziehungsweise
passiver Krankheitsbewältigung wurden bei Krebspatienten beobachtet.
Sandra Levy (1984) untersuchte 5 Brustkrebs-Patientinnen eine Woche und
drei Monate nach der Brustoperation. Sie kontrollierte jeweils die Aktivität
der Killerzellen, die eine besondere Rolle bei der Beseitigung abnormer
Zellen spielen. Parallel erhob sie psychologische Testdaten und ermittelte,
wie die Frauen sich mit ihrer Krankheit auseinandersetzten. Sie stellte
fest, daß die Aktivität der Killerzellen bei denjenigen Frauen
besonders verringert war, die passiv und depressiv reagierten. Ähnliche
Effekte wurden bei Frauen im Zusammenhang mit depressiver beziehungsweise
nichtdepressiver Verarbeitung einer Fehlgeburt beobachtet (Naor 83).
Überraschende Beobachtungen zur selektiven Wirkung von Persönlichkeitsmerkmalen
und psychosozialem Streß auf Helfer- und Hemmzellen machten Medizinpsychologen
an der Universität Wien (Kropiunigg 1989). Sie untersuchten seelische
Haltungen und Immunreaktionen von gesunden Medizinstudenten, die (freiwillig)
an einem Selbsterfahrungsseminar teilnahmen. Fünf Tage lang beschäftigten
sie sich mit ihrer zukünftigen Rolle als Arzt, setzten sich mit persönlichen
Einstellungen und der Wirkung ihrer Person auseinander. Das Seminar stellte
einen erheblichen Stressor dar. Die Situation forderte intellektuelle
Einsicht und emotionale Offenheit und gab keine Anhaltspunkte für
«richtiges» Verhalten vor. Zusätzlich wurden emotionale
und psychosomatische Reaktionen der Teilnehmer in den Lernprozeß
einbezogen. Sechs Tage vor Beginn des Seminars erfolgte ein psychologischer
Test und eine erste Überprüfung des Immunstatus. Am vierten
Seminartag (höchstes Belastungsniveau) wurde der Immunstatus erneut
kontrolliert. Am Ende des Seminars bewerteten die Teilnehmer ihre Erfahrungen
(alle positiv). Drei Wochen später wurde der Immunstatus erneut überprüft.
Bei Teilnehmern mit einem erhöhten Anlehnungsbedürfnis, die
Schutz, Zuwendung, Rat, Trost bei anderen suchten oder diese Bedürfnisse
durch Hilfsbereitschaft und Aufopferung kompensierten, zeigte sich am
vierten Seminartag eine deutliche Verminderung ihrer Helferzellen. Teilnehmer
mit ausgeprägtem Leistungsstreben, hoher Disziplin und Wettbewerbsorientierung
entwickelten dagegen eine erhöhte Anzahl von Hemmzellen. Beide Reaktionen
- die Verminderung der Helferzellen wie der Anstieg der Hemmzellen - bewirken
eine Schwächung des Immunstatus. Sowohl die übertriebene soziale
Orientierung als auch das selbstbezogene Leistungsstreben reflektieren
Aspekte der Selbstunsicherheit. Beide Haltungen können unter sozialem
Druck, in Situationen, die keine klare Verhaltensorientierung vorgeben,
immunologisch riskant sein.
Drei Wochen nach Ende des Seminars zeigten sich ungünstige Langzeiteffekte
für den Immunstatus bei Teilnehmern mit hohem sozialem Anerkennungsbedürfnis,
die immer noch stark mit ihren Erlebnissen beschäftigt und um ihren
Ruf besorgt waren. Teilnehmer, die im Anschluß ein geringes Geselligkeitsbedürfnis
hatten, lieber allein waren, zeigten normale Immunfunktionen. Die Untersuchung
macht auch deutlich, daß Selbsterfahrungsgruppen durchaus erhebliche
und gefährdende Stressoren darstellen. Nicht immer gelingt es den
Leitern, die Teilnehmer zu einer im seelischen und immunologischen Sinne
heilsamen Bewältigung ihrer Erfahrungen zu führen.
Es liegen mehrere Untersuchungen vor, die sich mit Interventionen zur
Beeinflussung der Immunfunktion befassen. Sie deuten darauf hin, daß
Entspannung einen günstigen Einfluß haben kann. Kiecolt-Glaser
& Glaser (1988) untersuchten die Killerzellenaktivität bei alten
Menschen im Zusammenhang mit (a) sozialem Kontakt und (b) einem Entspannungstraining
und verglichen die Effekte mit einer Kontrollgruppe. Die alten Menschen,
die einen Monat lang dreimal wöchentlich eine Entspannungsübung
durchführten, entwickelten eine deutlich höhere Killerzellenakti-vität,
das heißt, sie verbesserten ihren Im munstatus. Soziale Kontakte
- Besuche von Studenten führten zwar zu einer Verbesserung der Stimmung,
hatten jedoch keinen nachweisbaren Einfluß auf den Immunstatus.
Auch bei Medizinstudenten, deren Immunstatus während anstrengender
Block-Examina geschwächt war (was nicht auf Mangelernährung
beruhte) und die ein regelmäßiges Entspannungstraining praktizierten,
konnten positive Effekte beobachtet werden.
Weitere Studien (Peavey et al. 1985; Jasnovski & Kugler 1987) zeigten,
daß bei Gesunden, die unter hohem Streß standen, regelmäßige
Entspannungsübungen leichte Störungen der Immunfunktion verbesserten
und das Vertrauen stärkten die Belastungen bewältigen zu können.
Mit anderen Studien gingen Kiecolt-Glaser & Glaser (1988) der Vermutung
nach, daß die offene Auseinandersetzung mit belastenden Erfahrungen
sich günstig auf das psychophysiologische Befinden auswirkt. Sie
regten zwei Studentengruppen an, über einen Zeitraum von sechs Wochen
in einem Tagebuch (a) traumatische Erlebnisse, (b) weniger bedeutsame,
eher alltägliche Erfahrungen zu notieren. Bei den Studenten, die
sich mit traumatischen Erfahrungen beschäftigten, zeigte sich eine
positive Aktivierung des Immunstatus; sie benötigten auch weniger
medizinische Betreuung. Besonders positive Veränderungen des seelischen,
körperlichen und immunologischen Befindens wurden bei Studenten beobachtet,
die den Mut hatten, sich mit Belastungen und » Geheimnissen»,
die sie jahrelang geleugnet hatten, sowohl in ihrem Tagebuch als auch
in Gesprächen mit anderen auseinanderzusetzen.
Andere Studien deuten an, daß die Immunfunktion durch Vorstellungsübungen
beeinflußt werden kann: Howard Hall (82) gab gesunden Versuchspersonen
unter Hypnose verschiedene Bilder zur Stärkung und Aktivierung der
T-Zellen vor.
Jüngere Teilnehmer reagierten mit einem deutlichen Anstieg der T-Lymphozytenzahl.
John Schneider und seine Mitarbeiter (1983) leiteten gesunde Studenten
unter Entspannung zur Imagination spezifischer Freßzellenaktivitäten
an. Die Teilnehmer sollten sich vorstellen, wie die Freßzellen die
Blutbahn verlassen und Abfallprodukte im Körpergewebe beseitigen.
Die Effekte der Imagination wurden durch Blutuntersuchungen vor und nach
der Übung überprüft, um festzustellen, ob sich die Anzahl
der Freßzellen im Blut der Teilnehmer tatsächlich
verringert hatte. Es wurde - auch bei Wiederholungen des Versuchs - ein
signifikantes Absinken der Freßzellenanzahl nach der Imagination
gemessen.
Eine Studie (Gruber 1988) kontrollierte immunologische und Einstellungsveränderungen
von zehn Krebspatienten, die über ein Jahr regelmäßig
Imaginationen zum Immunsystem durchführten. Sie stellten sich (nach
Simonton) in entspanntem Zustand vor, wie ihre Immunzellen den Krebs beseitigen.
Die Patienten - sie litten an verschiedenen metastasierenden Krebsformen
- nahmen freiwillig teil; sie führten die Übung zweimal täglich
durch und berichteten jede Woche schriftlich über ihre Erfahrungen
und ihr Befinden. Einmal im Monat traf sich die Gruppe, die Übung
wurde gemeinsam durchgeführt und der Immunstatus kontrolliert. Alle
drei Monate wurden die psycholo- gischen Werte erhoben. Nach etwa einem
halben Jahr waren deutlich immunologische Effekte nachweisbar. Sie zeigten
sich vor allem in einer Verbesserung der Killerzellenaktivität bei
der Beseitigung von Tumorzellen. Parallel nahmen Gefühle von Hoffnung
und Selbstkontrolle zu.
Forscher an der Yale University leiteten 32 Asthmatiker sechs Wochen lang
an, sich die gesunde Funktion ihrer Hemmzellen zu vergegenwärtigen
und sich vorzustellen, wie die Hemmzellen histaminabhängige Überreaktionen
- die asthmatischen Reaktionen auf spezifische Reize zugrunde liegen -
unter Kontrolle bringen. Im Vergleich zu unbehandelten Patienten verbesserte
sich die Immunreaktion und die Reaktion der Bronchien auf bestimmte Reize.
Zusätzlich beobachteten die Forscher, daß ein offener Umgang
mit belastenden Gefühlen die Immunstörung und die Atemfunktion
positiv beeinflußte (Polonsky I985). Die psychoimmunologischen Erkenntnisse
geben einen Einblick in das differenzierte Zusammenspiel zwischen seelischer
und körperlicher Abwehrkraft. Sie zeigen auch, wie wichtig es ist,
lebensgeschichtlich geprägte Ängste, Depression und Hilflosigkeit
aufzuklären und überwinden zu lernen. Von Bedeutung für
die psychosomatische Widerstandskraft scheinen vor allem das Vertrauen
in die eigenen Fähigkeiten und in die Wirksamkeit des eigenen Handelns
sowie die Überwindung von Passivität und Meidungsverhalten zu
sein.
Kognitive Immunologie
Auszüge aus dem Buch Lebensnetz von Fritjof Capra
... Der Geist ist kein Ding, sondern ein Prozeß - der Prozeß
der Kognition, der mit dem Prozeß des Lebens gleichzusetzen
ist. Das Gehirn ist eine bestimmte Struktur, durch die dieser Prozeß
wirkt. Damit ist die Beziehung zwischen Geist und Gehirn eine Beziehung
zwischen Prozeß und Struktur.
Das Gehirn ist keineswegs die einzige Struktur, die am Erkenntnisprozeß
beteiligt ist. Beim menschlichen Organismus, wie bei den Organismen
aller Wirbeltiere, wird das Immunsystem zunehmend als Netzwerk angesehen,
das ebenso komplex und verknüpft ist wie das Nervensystem und
gleichermaßen wichtige Koordinierungsfunktionen ausübt.
Die klassische Immunologie erblickt im Immunsystem ein Verteidigungssystem
des Körpers, das nach außen gerichtet sei und oft mit
militärischen Metaphern beschrieben wird da ist dann von Heerscharen
weißer Blutkörperchen, Generälen, Soldaten usw.
die Rede.
Diese Konzeption wird durch neuere Entdeckungen
von Francisco Varela und seinen Kollegen an mehreren Pariser Forschungsinstit-uten
ernsthaft in Frage gestellt. Ja, einige Forscher glauben inzwischen,
daß die klassische Anschauung mit ihren militärischen
Metaphern eines der Haupthindernisse für ein vollständigeres
Verständnis von Autoimmunkrankheiten wie AIDS sei.
Statt wie das Nervensystem konzentriert und durch anatomische Strukturen
miteinander verknüpft zu sein, ist das Immunsystem in der Lymphflüssigkeit
verteilt und durchdringt jedes einzelne Gewebe. Seine Komponenten
- eine Klasse von Zellen, die man Lymphozyten nennt, volkstümlich
weiße Blutkörperchen genannt - bewegen sich sehr rasch
und binden sich chemisch aneinander. Die Lymphozyten bilden eine
höchst vielfältig zusammengesetzte Gruppe von Zellen.
Jeder Zelltyp unterscheidet sich von den anderen durch spezifische
molekulare Marker, sogenannte «Antikörper», die
aus der Oberfläche herausragen. Der menschliche Körper
enthält Milliarden von unterschiedlichen Typen weißer
Blutkörperchen, die über eine beeindruckende Fähigkeit
verfügen, sich chemisch an jedes molekulare Profil in ihrer
Umgebung zu binden.
Nach der traditionellen Immunologie identifizieren die Lymphozyten
einen Eindringling, worauf die Antikörper sich an ihn heften
und ihn auf diese Weise neutralisieren. Diese Sequenz setzt voraus,
daß die weißen Blutkörperchen fremde Molekularprofile
erkennen. Bei genauerer Untersuchung stellt sich heraus, daß
dies auch irgendeine Form von Lernen und von Gedächtnis voraussetzt.
In der klassischen Immunologie werden diese Ausdrücke allerdings
rein metaphorisch gebraucht, ohne daß man dabei an irgendwelche
tatsächlichen kognitiven Prozesse denkt.
Neuere Forschungen haben ergeben, daß die im Körper zirkulierenden
Antikörper sich unter normalen Bedingungen an viele (wenn nicht
gar alle) Zelltypen, einschließlich sich selbst, binden. Das
gesamte System sieht viel mehr aus wie ein Netzwerk, mehr wie Menschen,
die miteinander reden, als wie Soldaten, die nach einem Feind Ausschau
halten. Allmählich sehen sich die Immunologen gezwungen, ihre
Aufmerk-samkeit von einem Immunsystem auf ein Immunnetzwerk zu verlagern.
Dieser Perspektivenwechsel stellt für die klassische Sichtweise
ein großes Problem dar. Denn wenn das Immunsystem ein Netzwerk
ist, dessen Komponenten sich aneinander binden, und wenn die Antikörper
dazu da sind, alles zu eliminieren, woran sie sich binden, dann
müßten wir uns eigentlich alle selbst zerstören.
Offensichtlich tun wir dies nicht. Anscheinend ist das Immunsystem
in der Lage, zwischen den eigenen Körperzellen und fremden
Erregern, zwischen Selbst und Nichtselbst zu unterscheiden. Aber
da, nach der klassischen Anschauung, ein Antikörper, der einen
fremden Erreger erkennt, sich chemisch an ihn bindet und ihn dadurch
neutralisiert, ist es nach wie vor ein Geheimnis, wie das Immunsystem
die eigenen Zellen erkennen kann, ohne sie zu neutralisieren, d.h.,
funktional zu zerstören.
Nach der traditionellen Sichtweise wird sich ein Immunsystem außerdem
nur dann entwickeln, wenn äußere Störungen auftreten,
auf die es reagieren kann. Kommt es zu keinem Angriff, werden auch
keine Antikörper gebildet. Neuere Experimente haben allerdings
gezeigt, daß selbst Tiere, die vor Krankheitserregern völlig
geschützt sind, dennoch ein ausgewachsenes Immunsystem entwikkein.
Aus der neuen Sicht ist dies ganz natürlich, weil die Hauptfunktion
des Immunsystems nicht darin besteht, auf Angriffe von außen
zu reagieren, sondern sich zu sich selbst in Beziehung zu setzen.
Varela und seine Kollegen meinen, das Immunsystem müsse als
ein autonomes, kognitives Netzwerk verstanden werden, das für
die «molekulare Identität» des Körpers verantwortlich
ist. Indem die Lymphozyten miteinander und mit den anderen Körperzellen
in Wechselwirkung treten, regulieren sie beständig die Zahl
der Zellen und ihre molekularen Profile. Statt einfach bloß
gegen fremde Erreger zu reagieren, besitzt das Immunsystem die wichtige
Funktion, das Zell- und Molekülrepertojre des Organismus zu
regulieren. Francisco Varela und der Immunologe Antonio Coutinho
erklären dies so: «Der gemeinsame Tanz zwischen dem Immunsystem
und dem Körper... erlaubt es dem Körper, während
seines ganzen Lebens und seiner vielfachen Begeg-nungen eine sich
verändernde und elastische Identität zu besitzen.»
Aus der Sicht der Santiago-Theorie resultiert die kognitive Tätigkeit
des Immunsystem aus seiner strukturellen Koppelung an seine Umgebung.
Wenn fremde Moleküle in den Körper eindringen, stören
sic das Immunnetzwerk und lösen dadurch strukturelle Veränderungen
aus. Die sich daraus ergebende Reaktion ist nicht die automatische
Zerstörung der fremden Moleküle, sondern die Regulierung
ihrer Anteile im Zusammenhang mit den anderen regulierenden Aktivitäten
des Systems. Die Reaktion fällt demnach unterschiedlich aus
und hängt vom gesamten Kontext des Netzwerks ab.
Wenn Immunologen große Mengen eines fremden Erregers in den
Körper injizieren, wie dies bei standardisierten Tierexpenmenten
geschieht, reagiert das Immunsystem mit der in der klassischen Theorie
beschriebenen massiven Abwehr. Dies ist jedoch, wie Varela und Coutinho
hervorheben, eine ganz und gar künstliche Laborsituation. In
seiner natürlichen Umgebung bekommt ein Tier keine großen
Mengen schädlicher Substanzen verabreicht. Die kleinen Mengen,
die tatsächlich in seinen Körper eindringen, werden auf
natürliche Weise in die laufenden Steuerprozesse seines Immunnetzwerks
einbezogen.
Wenn man das Immunsystem als ein kognitives, selbstorganisierendes
und selbstregelndes Netzwerk begreift, läßt sich das
Rätsel der Unterscheidung von Selbst und Nichtselbst leicht
lösen. Es ist einfach nicht erforderlich, daß das Immunsystem
zwischen Körperzellen und fremden Erregern unterscheidet, weil
beide ein und denselben regulierenden Prozessen unterworfen sind.
Wenn die eindringenden fremden Erreger jedoch so massiv auftreten,
daß sie sich nicht ins regulierende Netzwerk einbeziehen lassen,
wie das zum Beispiel bei Infektionen der Fall ist, lösen sie
im Immunsystem spezifische Mechanismen aus, die eine Abwehrreaktion
einleiten.
Forschungen haben ergeben, daß diese bekannte Immunreaktion
quasi-automatische Mechanismen zur Folge hat, die weitgehend unabhängig
von den kognitiven Aktivitäten des Netzwerks sind.Traditionellerweise
befaßt sich die Immunologie fast ausschließlich mit
einer derartigen «reflexhaften» Immunaktivität.
Wollte man sich auf die Untersuchung derartiger Phänomene beschränken,
wäre dies das gleiche, als würde sich die Hirnforschung
auf das Studium von Reflexen beschränken. Die defensive Immunaktivität
ist zwar sehr wichtig, aber aus der neuen Sicht ist dies ein sekundärer
Effekt der viel zentraleren kognitiven Aktivität des Immunsystems,
nämlich die molekulare Identität des Körpers aufrechtzuerhalten.
Künftige therapeutische Strategien werden wahrscheinlich auf
der Annahme beruhen, daß Autoimmunkrankheiten ein Versagen
der kognitiven Operation des Immunnetzwerks widerspiegeln und möglicherweise
ganz neuartige Techniken erfordern, die das Netzwerk durch eine
Steigerung seiner Verknüpftheit stärken. Nach Varelas
Meinung wird sich ein komplexes psychosomatisches Verständnis
der Gesundheit erst dann entwickeln, wenn wir das Nervensystem und
das Immunsystem als zwei kognitive Systeme in ständiger Wechselwirkung
verstehen - als zwei «Gehirne», die ständig miteinander
im Dialog stehen. |
Vorstellungsbilder zur Abwehr von Krankheitserregern
Vorstellungsübungen zum Immunsystem dienen der Gesundheitsförderung
und der Krankheitsbewältigung. Mit der Bildersprache werden auch
subjektive und emotionale Bedeutung, ungünstige Strategien und taktische
Fehler bei der Abwehr von Bedrohungen deutlich. Die meisten Menschen haben
Freude daran, ihre Bilder mit anderen gemeinsam zu erkunden und Überlegungen
zu effektiven und eleganten Strategien anzustellen. Darüber hinaus
geben die Bilder einen Einblick in die innere Welt des Malenden und erleichtern
Beratungsgespräche über Lebensbelastungen und vertraute Formen
der Konfliktbewältigung. Werden solche Gespräche in einer Atmosphäre
innerer Ruhe geführt, so inspirieren sie oft eine kreative Entdeckungsfreude
und ermutigen dazu, neue Lösungen in der Vorstellung zu erproben.
Wird die Imagination weitergeführt, dann wirkt sie als „inneres
Rollenspiel“ und sinnvolle Selbsthilfeübung, um mit der seelisch-körperlichen
Abwehrkraft Kontakt aufzunehmen und das eigene Potential zu erkunden,
zu schulen und zu stärken.
Die Imaginationsanleitung gibt keine konkreten Bilder vor, sie fördert
vielmehr die Projektion persönlicher Vorstellungsinhalte im Zusammenhang
mit biologischen Regulationsvorgängen. Die individuellen Vorstellungen
zur taktischen und strategischen Lösung des Abwehrproblems, der spielerische
Ausdruck von Aggression, aber auch die Verschiedenartigkeit der kreativen
Gestaltung fazinieren die meisten Menschen. Sehr schnell wird auch deutlich,
daß die im Bild dargestellte Bewältigungsstrate-gie persönliche
Haltungen widerspiegeln kann, die aus Alltags-konflikten vertraut sind.
Imaginationen zum Immunsystem sind nur selten direkt an Vorgaben (zum
Beispiel einem Informationsfilm) orientiert. Im allgemeinen finden die
Teilnehmer ganz persönliche Bilder. Vorstellungsbilder zum Immun-
und Krankheitsgeschehen reflektieren innere Haltungen, die lebensgeschichtlich
gewachsen sind. Sie können durch rein intellektuelle und Willensanstrengungen
nicht modifiziert werden. Nähert man sich den Bildgehalten jedoch
mit empathischem Interesse, so kann man vorbewußte Verhaltensgewohnheiten
erkunden und verstehen lernen. Mit dem Begreifen und Benennen der subjektiven
und emotionalen Bedeutungen erschließen sich auch neue Möglichkeiten,
Bedrohnungen zu bewältigen. Vor allem HIV-infizierte und an Aids
erkrankte Teilnehmer hatten den Eindruck, daß die Imagination zum
Immunsystem sie bei der Auseinandersetzung mit ihrer Gefährdung unterstützen
könnte, und nutzten das Angebot zu Beratungsgesprächen und weiterer
Imaginationsanleitung.
Auch für die bildliche Umsetzung der körperlichen Abwehrkraft
wurden Zusammenhänge mit psychologischen Testdaten gefunden: Teilnehmer,
die sich ihre Immunkraft weniger gut vorstellen konnten, waren in der
realitätsgerechten Konfliktlösung und in ihrem Gefühlsausdruck
vermindert und neigten dazu, sich selbst zu entmutigen.
Das folgende Beispiel zeigt, wie ein an Aids Erkrankter,
der sich körperlich geschwächt und seelisch sehr belastet fühlt,
über die Imagination und Beratung Zugang zu Erinnerungen und Glaubenserfahrungen
findet, die ihm die Vorbereitung auf denTod erleichtern können.
Herr B. war 51 Jahre alt, als er an der Imagination zum Immunsystem teilnahm.
Zwei Jahre vorher hatte er die Diagnose HIV-positiv erhalten. Aufgrund
häufiger Symptome, die einige Monate nach der Diagnose auftraten
(Fieberschübe, Bronchits, Pilzerkrankungen sowie eine extrem verminderte
Zahl von T-Helfern im Verhältnis zu T-Suppressorzellen), wurde er
als aidskrank eingestuft. Herr B. hatte zwei Jahre vor seiner Diagnose
eine schwere Krise erlebt:
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Beide Eltern waren an Krebs gestorben, er selbst
war medikamentenabhängig, sehr unzufrieden mit seinem Amt als
Pastor und voller Scham über seine homosexuelle Orientierung.
Er fühlte sich „kaputt und drpressiv“, vor allem
auch aufgrund vieler unbefriedigender und enttäuschender Beziehungen
(überwiegend in der homosexuellen Subkultur). Nach der Diagnose
ließ er sich frühpensionieren. Er engagierte sich kurzfristig
in einer HIV-Selbstholfegruppe und begann eine Psychotherapie, die
er jedoch bald wieder abbrach. Seine psychologischen Testwerte zeigten,
daß Herr B. in dieser schweren Krise unter sehr starkem emotionalem
Druck stand, den er kaum kanalisieren konnte. |
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Abbildung
Dieses Bild entstand in einer Zeit, in der Herr B. sich körperlich
geschwächt fühlte und erkannte, daß medizinische Therapien
ihm nicht hatten helfen können, einer Zeit, in der er sich mit
seinem Tod auseinandersetzen mußte. So zeigt das Bild auch seinen
Versuch, Frieden zu finden, und drückt eine Sehnsucht nach Harmonie
aus, die Herr B. vielleicht nur im Tod zu finden hoffte. Herr B. gab
an, daß er die Imagination zum Immunsystem, die Beratung und
vor allem auch das symbolische Bild seiner Helferzelle als Unterstützung
erlebte. Er ist zehn Monate nach dem letzten Kontakt gestorben. |
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Die Abbildung stellt die Imagination eines dreißigjährigen
Mannes dar. Sichtbar wird die an einen Science-fiction-Film angelehnte
Auseinandersetzung zwischen zwei Robotern. In dieser Vorstellung sind
Immunantwort und Fremdkörper einander sehr ähnlich, die
Immunkraft ist jedoch bedeutend kleiner. Es stellt sich die Frage:
Wie kommt es, daß der Mann die Fähigkeit seines Immunsystems
so kalt und technisch erlebt? Wie könnte man das Roboter-Virus
effektiver ausschalten? Der Maler dieses Bildes ist HIV-infiziert,
und sein Bild veranschaulicht, daß er sich durch die Infektion
stark bedroht fühlt und ihr nicht mit differenzierten Bewältigungsstrategien
zu begegnen vermag. |
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Auch wenn ein Immunschwäche-Syndrom
diagnostiziert ist, muß dies nicht mit Notwendigkeit bedeuten,
daß der betroffene Mensch dahinsiecht und stirbt. Eine amerikanische
Stiftung in Sausalito, die Körper-Seele-Interaktionen erforscht
und ungewöhnliche Heilungen dokumentiert (und nur nach sehr strengen
Kriterien anerkennt), hat über fünf Heilungen von Aids berichtet:
Die Erkrankten waren HIV-positiv und hatten ein Immun-schwäche-Syndrom
entwickelt; dann hatten sich die Symptome zurückgebildet, und
die Betroffenen waren wieder HIV-negativ geworden (zitiert in Miketta
1991).
Psychoimmunologische Forschungen haben deutlich gemacht, daß
das regulative Gleichgewicht zwischen Zentralnerven-, Immun- und Hormonsystem
eine wichtige Voraussetzung für Gesundheit ist und vor allem
unter Belastungen gestört wird, die subjektiv als unkontrollierbar
empfunden werden. Solche Belastungen und die damit verbundenen Gefühle
von Angst, Hilflosigkeit und Depression können im Vorfeld einer
HIV-positiv-Diagnose aufgetreten sein und eine Infektion begünstigen.
Aber auch die Diagnose selbst, verbunden mit den bisher fehlenden
medizinischen Therapieangeboten, stellt ein solches Ereignis dar.
Es ist deshalb von großer Bedeutung, wie diese Diagnose verarbeitet
wird und ob es gelingt, eine Perspektive zu finden, die Angst und
Resignation überwinden hilft und das Vertrauen in die eigene
Person und die Bewältigungskraft stärkt. |
Niro Markoff Asistent: AIDS siehe
auch http://www.computerhealth.org/asistent.htm
- Heilung durch Meditation
Aufgrund zahlreicher Krankheitssymptome ließ Niro Asistent Markoff
1985 einen AIDS-Test durchführen. Das Ergebnis war niederschmetternd
- sie war HIV-Positiv. Diese Erkenntnis war für sie gleichbedeutend
mit einem Todesurteil. Nachdem sie sich aber von der Resignation befreit
hatte, entwickelte sie ihr eigenes Heilungsprogramm. Sie brachte Ordnung
in ihr Leben, leitete einen körperlichen Reinigungsprozeß ein
und wies negative Einflüsse jeder Art zurück. Darüberhinaus
akzeptierte sie, daß sie sterben würde. Sie kämpfte monatelang,
bis sie sich innerlich wieder heil fühlte und ging dann erneut zum
Test. Das Ergebnis war unglaublich - sie war HIV-Negativ. Aus der gewaltigen
Kraft, die Niro Asistent Markoff aus ihrem Selbstheilungsweg schöpfte,
verfaßte sie ihr Buch „Das heilende Ja“ und gibt seither
Seminare zu diesem Thema.
1992 hielt Niro Asistent Markoff, anläßlich des Züricher
AIDS-Kongresses, der unter dem Motto stand „Umdenklen bei AIDS“
einen Vortrag.
Verschiedene amerikanische Untersuchungen zeigen, daß
der Verlauf einer HIV-Infektion und Aids-Erkrankung durch seelische Haltungen
beeinflußt wird (Antoni et al. 1990; Solomon et al. 1987, ,99').
Bei HIV-Infizierten wurden Zusammenhänge zwischen gutem Immunstatus
und geringer Ausprägung von Angst und Depression beobachtet. HIV-Infizierte
mit gutem Immunstatus zeigten ein hohes Ausmaß an hardiness (Widerstandskraft),
das heißt, sie fühlten sich weniger entfremdet, machtlos und
ausgeliefert; sie entwickelten vielmehr Verantwortungsgefühl und
Vertrauen in die Wirksamkeit ihres Handelns und nahmen Lebensveränderungen
als Herausforde-rung an. Sie waren in der Lage, eigene Interessen wahrzunehmen
und klar zu verfolgen und unerwünschte Anfragen offen abzuweisen.
Einige Untersuchungen ergaben, daß sich der Immunstatus von HIV-Infizierten
bei Trauerprozessen nicht wie bei Gesunden verschlechtert. Aids-Kranke,
die eine von den Ärzten prognostizierte Lebensdauer weit überschritten,
hatten einen besseren Immunstatus als Patienten, die frühzeitig starben,
und zeigten ein höheres Ausmaß an hardiness; Angst und Depression
waren bei ihnen weniger ausgeprägt, und sie verhielten sich nicht
unangemessen altruistisch in dem Sinne, daß sie anderen halfen,
obwohl sie dies eigentlich gar nicht wollten.
Die amerikanischen Psychotherapeuten Christopher Allers und Karen
Benjack stellten fest, daß HIV-Infizicrtc überdurchschnittlich
häufig in ihrer Kindheit körperlich und scxucll mißhandclt
wurden warcn.
Sic wciscn daraufhin, daß typische Folgc-schädcn solcher Mißhandlungen
- Alkohol- und Drogenmiß-brauch, Depression, Promiskuität,
mangelnde Ich-Stärke, die Unfähigkeit, sich gegenüber Forderungen
von Partnern zu behaupten oder auf « safer sex zu bestehen - das
Infektionsrisiko signifikant erhöhen (Psychologie heute 6/92). Ute
Waschulewski, die (1989) zweihundert Jugendliche zu ihrem Wissen über
Aids befragte, fand bei Jugendlichen, die sexuelle Mißhandlungen
angaben, ein deutlich geringeres Bewußtsein über Gefährdung
und Schutzmaßnahmen.
Eine deutsche Untersuchung (Bliemeister et al. 1992) ergab, daß
sich die Bewältigungsstrategien von HIV-Infizierten mit gutem von
denen mit kritischem Immunstatus (weniger als vierhundert T4-Helferzellen
pro Milliliter Blut) deutlich unterschieden. Infizierte mit gutem Immunstatus
verdrängten ihre Infektion nicht, verstrickten sich aber auch nicht
in Grübeleien («Warum ich?»). Sie suchten vielmehr aktiv
nach krankheitsbezogener Information und nach Bewältigungsmöglichkeiten
und gingen davon aus, daß sie ihren Gesundheitszustand selbst mitbeeinflussen
können. Sie erlebten ihre sozialen Beziehungen als gut und ihre sexuellen
Kontakte als befriedigend. Auch sprachen sie offen mit anderen Menschen
über ihre Infektion. Sie suchten nach Möglichkeiten der Gesundheitsförderung
und befanden sich seltener in ärztlicher Behandlung.
Vorstellungsbilder zu Autoimmunkrankheiten
Verschiedene schwere Krankheiten - Störungen der Schilddrüsen-
oder der Nierenfunktion, Basedow, Morbus Bechterew, Lupus erythematodes,
Myasthenie, Multiple Sklerose, Colitis, chronische Polyarthritis, Diabetes
Typ 1 und andere - stehen auch im Zusammenhang mit einer Fehlsteuerung
der Immunfunktion: Das Immunsystem greift irrtümlich körpereigenes
Gewebe an und zerstört es. Wie es zu diesen Fehlregulationen und
dem Angriff auf jeweils unterschiedliche Organe kommt, ist ungeklärt,
doch wird vermutet, daß solche fehlgeleiteten Aktionen des Immunsystems
in Zeiten körperlicher und seelischer Überbelastung einsetzen,
zum Beispiel nach schweren Infektionen, Verlusterlebnissen und anderen
seelischen und körperlichen Traumen, die nicht bewältigt werden
können. Verschiedene Forscher sind zu dem Ergebnis gekommen, daß
unter starken Belastungen die Ausreifung und Schulung von Immunzellen
(zum Beispiel im Thymus) gestört sind, so daß Immunzellen in
die Blutbahn gelangen, die keine ausreichende Selbsttoleranz entwickelt
haben. Andere vertreten die Auffassung, daß unter starkem emotionalem
Streß die Angriffe auf das eigene Selbst durch Störungen der
biologischen Kommunikation zwischen Gehirn und Immunsystem begünstigt
werden.
Weiner (`99) weist darauf hin, daß Menschen mit Autoimmunerkrankungen
besonders empfindlich auf Verluste und Trennungen reagieren. Er vermutet,
daß sie aufgrund frühkindlicher Traumatisierung keine angemessenen
Formen der Bewältigung von Trauer erworben haben, so daß sie
auch spätere Verluste nicht verarbeiten können. Dies führt
bei ihnen langfristig zu Depression, Hoffnungslosigkeit und Störungen
der biologischen Selbstregulation.
Es liegt nahe zu vermuten, daß ein Mensch, der sich nicht zielstrebig
und aktiv zu behaupten vermag und der in schwierigen Situationen keine
Unterstützung und Orientierung erfährt, sein gehemmtes Aggressionspotential
auch in einer irritierten und autoaggressiven Abwehrfunktion ausdrücken
kann. Die Erforschung von Autoimmunstörungen steht ganz am Anfang,
und die betroffenen Patienten sind über immunologische Aspekte ihrer
Krankheit meist nicht informiert. Wir wissen daher auch nicht, ob ihnen
solche Informationen bei der Bewältigung ihrer Krankheit helfen können.
Benno Hennrich (1988) leitete 26 Patienten mit chronischer Polyarthritis
und Ute Krusemark (1989) 25 Patienten mit Multipler Sklerose zur Imagination
ihres Krankheitsgeschehens an.
Bei der chronischen Polyarthritis (Gelenkrheuma) handelt es sich um eine
lang andauernde Entzündung vieler Gelenke, die von der Gelenkinnenhaut
ausgeht, zu deren Wucherung führt und auf Knorpel und Knochen zerstörend
übergreift. Die Entzündung wird durch Immunzellen verursacht,
die irrtümlich das körpereigene Gewebe angreifen. Die Folgen
sind Schwellungen, Bewegungsschmerz, Verformung der Knochen, Beeinträchtigung
von Bewegungsabläufen, unter Umständen Invalidität. 1 bis
2 Prozent der Bevölkerung sind von dieser Krankheit betroffen, Frauen
zwei- bis dreimal häufiger als Männer. Die Erkrankung tritt
in jedem Alter auf, am meisten jedoch zwischen dem fünfundzwanzigsten
und fünfzigsten Lebensjahr und häufiger bei städtischer
Bevölkerung und in niedrigeren Bildungs-und Einkommensschichten.
Die Auslösung von Krankheitsschüben
kann im Zusammenhang mit schwerwiegenden oder lang andauernden Belastungen
und einem Zurückhalten des emotionalen Ausdrucks stehen.
Chronische Polyarthritis gilt bis heute als unheilbar, sie läßt
sich nur durch sogenannte Basistherapeutika und entzündungshemmende
Medikamente sowie operative Eingriffe lindern. Zusätzlich werden
physikalische, bewegungs- und orthotherapeutische Maßnahmen eingesetzt,
um die Schmerzen zu verringern und die Bewegungsfähigkeit zu erhalten.
Manchmal wird den Patienten empfohlen, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen
oder psychotherapeutische Hilfe zur emotionalen Stabilisierung und Krankheitsbewältigung
zu suchen.
Benno Hennrich leitete 24 Frauen und zwei Männer zur Imagination
ihres Krankheitsgeschehens an, die durchschnittlich 46 Jahre alt und seit
vierzehn Jahren erkrankt waren. Sie waren überwiegend von massiven
Zerstörungen der Gelenkinnenhaut betroffen und hatten meist Operationen
hinter sich. Ein Drittel war frühberentet.
Multiple Sklerose (MS) ist ebenfalls eine Autoimmunerkrankung. Das Abwehrsystem
greift irrtümlich die Myelinhülle von Nervenfasern an. Die Folgen
sind: Störungen der Impulsleitung, Mißempfindungen, Schwäche
in den Beinen, Störungen der Bewegungskoordination, der Sinnesfunktionen
oder auch der Sprache, unter Umständen Invalidität. 0,05 Prozent
der Bevölkerung in nördlichen Breitengraden erkranken an MS,
am häufigsten zwischen dem zwanzigsten und dem vierzigsten Lebensjahr;
es sind doppelt so viele Frauen wie Männer betroffen. Auch
hier steht die Auslösung von Krankheitsschüben oft im Zusammenhang
mit psychischer Überbelastung und einer Zurückhaltung des Aggressionsausdrucks.
Die Krankheitssymptome werden mit entzündungshemmenden und immunstabilisierenden
Medikamenten behandelt. Auch wird den Patienten empfohlen, ihre Ernährung
umzustellen, Überanstrengung, emotionale Belastung und extreme Klimaveränderungen
zu meiden und emotionale Unterstützung in Selbsthilfegruppen oder
Psychotherapie zu suchen.
Ute Krusemark leitete sechzehn Frauen und neun Männer zur Imagination
ihres Krankheitsgeschehens an, die im Mittel vierzig Jahre alt, seit elf
Jahren erkrankt und zum größten Teil frühberentet waren.
Die begleitenden psychologischen Tests zeigten, daß die Patientinnen
und Patienten in beiden Krankheitsgruppen dazu neigten, alltägliche
Auseinandersetzungen und den Ausdruck von (vor allem aggressiven) Gefühlen
zu vermeiden.
Jeweils zwei Drittel der Teilnehmer setzten sich offen und mutig mit dem
Krankheitsgeschehen auseinander. Sie zeigten in ihren Bildern, wie die
Immunzellen die Gelenkinnenhaut beziehungsweise die Myelinhülle der
Nervenfasern angreifen und zerstören. Sie identifizierten sich oft
weitgehend mit diesen aggressiven Impulsen und agierten sie in ihrer Vorstellung
zum Teil lustvoll und spielerisch aus. Indem sie sich auf die Wahrnehmung
der autoaggressiven Impulse einließen, konnten diese Teilnehmer
anschließend auch die zerstörerischen Auswirkungen betrachten
und Vorstellungen zu einer gesunden Immunfunktion entwickeln. Ein Drittel
der Patienten ließ sich nur sehr begrenzt auf Vorstellungen zu der
selbstschädigenden Immunreaktion ein. Sie griffen diese Elemente
der Anleitung in ihren Bildern nur im Ansatz, verharmlosend oder gar nicht
auf. Diesen Teilnehmern fiel es schwerer, heilungsorientierte Vorstellungen
zu finden.
Insgesamt zeigten jüngere Teilnehmer eine größere Bereitschaft,
sich auf die Erkundung ihres Krankheitsgeschehens mit Hilfe der Vorstellungsübung
einzulassen. Zusätzlich zeigte die Analyse der psychologischen Testdaten,
daß diejenigen Patienten, die in ihrem Gefühlsausdruck weniger
gehemmt waren, krankheitsbezogene Vorstellungen direkter und offener darstellten.
Von krankheitsspezifischer Bedeutung sind möglicherweise die folgenden
Beobachtungen: Polyarthritis-Patienten, die in der realitätsgerechten
Bearbeitung von Konflikten weniger gestört waren, konnten sich den
selbstzerstörerischen Krankheitsprozeß klarer vorstellen. In
der Gruppe der MS-Kranken gelang dies den Patienten besser, die weniger
Angst vor Selbständigkeit hatten und noch nicht so lange erkrankt
waren.
Polyarthritis
Frau K. nahm während der Imagination nicht so sehr Kontakt mit den
spezifischen Abwehrzellen auf, sondern eher mit grundlegenden Einstellungen
zu ihrer Krankheit. Sie war sechzig Jahre alt und vor vierunddreißig
Jahren an Polyarthritis erkrankt. Ihren Beruf als technische Zeichnerin
hatte sie aufgeben müssen. Sie war seit dreißig Jahren Rentnerin
und befand sich im Endstadium der Krankheitsentwicklung. Ihre Erkrankung,
schrieb sie, habe während eines sehr schweren Verlusterlebnisses
eingesetzt, bei dessen Verarbeitung ihr niemand zur Seite stand. Sie beobachtete
Zusammenhänge zwischen einer Verschlechterung ihres Befindens und
seelischen Belastungen (Angst und Kummer) sowie körperlicher Überanstrengung.
Frau K. fühlte sich in ihrem alltäglichen Leben durch Schmerzen
und motorische Beeinträchtigungen (der Hände, Knie, Füße)
stark behindert. Sie hatte aufgrund ihrer Behinderung eine Verlobung gelöst
und nie geheiratet, vermißte jedoch eine eigene Familie und Kinder
schmerzlich. Sie fühlte sich oft einsam und hatte Angst davor, vollkommen
hilflos und pflegebedürftig zu werden. Dennoch hatte sie den Eindruck,
den Verlauf der Krankheit durch eine positive seelische Einstellung -
indem sie versuchte, sich und anderen Freude zu bereiten - beeinflussen
zu können. Frau K. hatte zahlreiche Krankenhausaufenthalte und Kuren
hinter sich und wurde mit schmerzlindernden Medikamenten behandelt. Ihre
psychologischen Testdaten zeigten, daß sie in ihrem Gefühlsausdruck-
vor allem im Ausdruck aggressiver Impulse- stark eingeschränkt war.
 |
Mit dieser Hemmung ihres Gefühlsausdrucks nahm Frau
K. während der Imagination Kontakt auf. In sehr zarten und lichten
Farben malte sie im oberen Bildraum eine Welle, die sich zum rechten Bildrand
hin (zur Realität) einrollt und verknotet. In dem Knoten werden orangefarbene,
auf das Innere gerichtete Pfeile sichtbar. Sie stellen Immunzellen dar,
die den Gelenkknochen bedrohen. Mit ihrem Bild veranschaulichte Frau K.
sowohl die Entzündung
der Gelenkinnenhaut und die Zerstörung des Knochens
als auch Empfindungen zu der Krankheit. Sie sagte zu ihrem Bild: «Ich
wollte damit die Einflüsse wiedergeben, die auf mich einstürmen,
und wie sie sich negativ auf die Knochen werfen und die Gelenke. Eigentlich
ist das nicht nur mein Gelenk, das bin ich selbst. In der Welle, die anrollend
alles umschließt und verschlingt, wollte ich meine Empfindungen
mit der Krankheit ausdrücken. Dieses Knäuel ist etwas, wo man
im Grunde nicht wieder rauskommt. Es geht alles nach innen. Das ist auch
das Gefühl von meiner Krankheit. Alles, was an mich herangetragen
wird, konzentriert sich irgendwo - und wenig kommt nach außen.»
Die Imaginationsübung war Frau K. angenehm, und sie setzte sich anschließend
intensiv mit der Frage auseinander: Was müßte geschehen, damit
der Krankheitsprozeß nicht weiter fortschreitet? Mit ihrem zweiten
Vorstellungsbild erkundete sie vorsichtig, wie die im Knoten verschlossenen
Gefühle gelöst werden könnten.
 |
Sie nutzte die Bildfläche diesmal im Querformat (was
eine neue Ebene der Beziehung und des Dialogs andeuten kann) und gestaltete
(wiederum in eher zarten Farben) eine Bewegung über die gesamte Bildfläche.
Die gefühlsmäßige Bewegung implodiert hier nicht mehr
in einem Knoten, sondern schwingt weiter zum rechten Bildrand (zur Realität
hin). Die Pfeile im Innern des Knotens sind weniger geworden, sie haben
ihre Richtung geändert und orientieren sich jetzt nach außen.
Frau K. begann zu spüren, daß sie ihren seelischen Druck und
vielleicht auch die körperlichen Schmerzen vermindern kann, wenn
sie ihre Gefühle nicht mehr zurückhält, anstaut und gegen
sich selbst wendet, sondern auszudrücken beginnt. In ihrem zweiten
Bild stellte Frau K. eine neue Orientierung dar, die mit Hoffnung und
Erleichterung verbunden war. Diese seelische Öffnung könnte
sie behutsam weiterführen, indem sie ihre Haltung durch kreatives
Gestalten erkundet und sich mit anderen über ihre Gefühle austauscht.
Multiple Sklerose
 |
Die beiden folgenden Vorstellungsbilder wurden von einer
zweiunddreißigjährigen Frau gemalt, die ein dreiviertel Jahr
zuvor an Multiple Sklerose erkrankt war.
Frau A. hatte keine Berufsausbildung und lebte mit ihrem Mann und einem
zwölfjährigen Sohn auf dem Land in der unmittelbaren Nachbarschaft
der Eltern. Sie fühlte sich durch die Krankheit nur wenig beeinträchtigt,
klagte jedoch über schnelle Ermüdbarkeit, Muskelschwäche
und Taubheitsgefühle in Armen und Beinen sowie über eine Störung
ihrer Sehfähigkeit. Äußerlich waren bei ihr keine Anzeichen
einer Behinderung zu bemerken.
Kurz vor dem Ausbruch der Krankheit starb Frau A`.s Großmutter.
Frau A. fand die Tote, was ihr einen «Schock» versetzte, an
dem sie «lange zu knabbern» hatte. In den darauffolgenden
Monaten häuften sich ernste Krankheitsfälle in ihrer Familie,
die Frau A. sowohl emotional als auch durch Pflege und vermehrte Hausarbeit
erschöpften. Ein Vierteljahr nach dem ersten Ausbruch der Krankheit
erlebte sie einen weiteren Krankheitsschub.
 |
Die psychologischen Testdaten waren unauffällig und
zeigten, daß Frau A. sich offen mit ihrer Krankheit auseinandersetzte
und aktiv nach Möglichkeiten zur Bewältigung suchte.
Frau A. fühlte sich durch die Anleitung sehr angesprochen und erlebte
die Vorstellungsübung als Hilfe, ihre Krankheit zu verstehen und
sich eine Beendigung des autoaggressiven Prozesses zu vergegenwärtigen.
Sie nutzte ihre Bilder auch, um ihrem Mann zu erklären, was sich
in ihrem Körper abspielt. Ein Jahr nach der Erhebung berichtete sie,
daß es ihr gutginge. Ein weiterer Krankheitsschub war nicht aufgetreten.
Die rasche Ermüdbarkeit und die Muskelschwäche in den Beinen
sind geblieben. Sehstörungen traten jedoch nicht mehr auf. Sie konnte
eine anstrengende Reise zu Verwandten in Südeuropa ohne Beschwerden
genießen. Sie hatte mit Yoga-Übungen begonnen und integrierte
die Imagination zum Immunsystem in diese Übungen, die sie fast täglich
durchführte.
Diabetes
Unter meiner Anleitung gingen Iris Fowe' (1990) und Inga von Knobelsdorff
(1990) der Frage nach, ob diabetische Kinder die mit ihrer Krankheit verbundene
Autoimmunstörung verstehen können und ob auch Kinder an einer
Imaginationsanleitung interessiert sind und krankheitsbezogene Vorstellungsbilder
entwickeln.
Diabetes mellitus Typ l ist eine chronische Energiestoffwechsel-störung.
Im Unterschied zum Altersdiabetes, bei dem ein funktionaler Insulinmangel
auftritt, kommt es beim Diabetes Typ I zu einer Zerstörung der insulinproduzierenden
Zellen der Bauchspeicheldrüse durch das Immunsystem.
Ohne medizinische Hilfe stirbt ein Typ-I-Diabetiker. Die Krank-heit kann
vom Säuglingsalter an bis etwa zum dreißigsten Lebensjahr ausbrechen:
der statistische Gipfel liegt bei acht bis elf Jahren. 0,05 Prozent der
Bevölkerung in Westdeutschland sind betroffen. Die Neuerkrankungsrate
zeigt eine steigende Tendenz. Diabetiker müssen lebenslang mehrmals
täglich Insulin spritzen, einen strengen Diätplan einhalten
und tägliche Stoffwechselkontrollen vornehmen.
Einige Untersuchungen zeigen, daß diabetische Kinder vor der Diagnose
schwerwiegende Belastungen erlebten (Hermann et al. 1986) und auf emotionalen
Streß mit einer rascheren Zuckermobilisation reagieren als gesunde
Kontrollpersonen (Achterberg & Lawlis 1984).
Die therapeutischen Maßnahmen stellen hohe Anforderungen an die
erkrankten Kinder und ihre Eltern. Ein hohes Maß an Disziplin, Selbstkontrolle
und Selbstverantwortlichkeit ist nötig. Diese Eigenschaften setzen
eher die Lebensperspektive eines Erwachsenen voraus und stehen altersgemäßen
Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen entgegen:
Sie müssen genau den Blutzucker kontrollieren und die Insulindosis
entsprechend anpassen, pünktlich die Essenszeiten einhalten, ordentlich
die Stoffwechselkontrollen protokollieren, vernünftige Einschränkungen
akzeptieren, um Spätkomplikationen zu vermeiden. So ist es verständlich,
daß Kinder und Jugendliche oftmals Diätfehler machen, ihre
Protokolle manipulieren und dies vor den Ärzten verheimlichen oder
daß sie sich minderwertig fühlen, Angst vor Ablehnung haben
und ihre Krankheit verleugnen. Zusätzlich erschwert ihnen die tägliche
Selbstverletzung durch Blutzuckertests und Injektionen eine angemessene
Entwicklung ihres Körperbewußtseins und Körperbildes.
Vielfältige Einflüsse wie Angst, Ärger und Anspannung verursachen
oft unvorhersehbare Stoffwechselschwankungen und verstärken das Gefühl,
der Krankheit hilflos ausgeliefert zu sein. Die therapiebedingten starken
emotionalen Belastungen werden bei der Diabetikerschulung häufig
nicht genügend berücksichtigt. Zwar gilt ein verstärkter
Ausdruck von Aggression und Wut als günstig für die emotionale
Bewältigung des Diabetes, doch wird er bei den Schulungsmaßnahmen
im allgemeinen nicht berücksichtigt.
Fowe' und von Knobelsdorff leiteten zehn diabetische Kinder an, sich ihre
Krankheit bildlich vorzustellen. In der Diabetiker Ambu-lanz einer Hamburger
Klinik wurden Kinder und ihre Eltern auf diese Möglichkeit aufmerksam
gemacht.
Sie wurden in kindgemäßer Form über ihr Krankheitsgeschehen
und die Beteiligung des Immunsystems informiert. Obwohl die behandelnden
Ärzte und Psychologen davon ausgingen, daß die Kinder über
den Autoimmunprozeß informiert waren, war dieser Aspekt allen Kindern
neu. Sie waren an den Informationen zum Immunsystem sehr interessiert.
Keines der Kinder hatte sich bisher erklären können, weshalb
die insulinproduzierenden Zellen «verschwinden «. Mit einer
Vorstellungs-übung wurden sie anschließend angeleitet, innere
Bilder zu ihrer Krankheit zu entwickeln und sie aufzumalen. Zusätzlich
malten die Kinder ein Bild ihrer Familie. Begleitend wurden psychologische
Testdaten erhoben und medizinische Parameter einbezogen.
Sowohl die Patienten-Information als auch die Vorstellungsübung bereiteten
den Weg für Gespräche, in denen sich die Kinder offen äußerten.
Sie berichteten über ihre teilweise sehr schwierige Lebenssituation,
über Aggressionen und Ängste. Die Familienbilder zeigen eine
Atmosphäre der Starre, Steifheit und Unlebendigkeit sowie einen sehr
geringen Kontakt der Familienmitglieder untereinander. Fowe' fand in den
Bildern eine starke Ausprägung von Merkmalen, die auf Schüchternheit
Gefühle der Unzulänglichkeit, Trauer und Aggression hindeuten.
In Gesprächen über ihre Familienbilder wirkten fast alle Kinder
sehr scheu, während ihnen Gespräche über ihre krankheitsbezogenen
Bilder deutlich leichter fielen. Im Kontakt mit den biologischen Funktionen
ihres Körpers und auf einer symbolischen Ebene konnten sie sich emotional
weiter öffnen. In der Vorstellung der Kinder übernahmen die
Immunzellen Funktionen der Angstbewältigung und des Aggressionsausdrucks.
Die Kinder deuteten das autoaggressive Geschehen als fehlgeleitete Reaktion
auf erlebte Belastungen und Bedrohungen. Sie beschäftigten sich intensiv
mit Themen wie «Kampf», «Aggression», «stark
sein; schwach sein» und «ohnmächtig sein». Bis
auf die beiden jüngsten Kinder entwickelten alle im Zusammenhang
mit ihrem Bild spontane Ideen, wie die Fehlreaktion des Immunsystems aufzuhalten
sei. Sie drückten aus, daß die verwirrten Immunzellen eine
klare Anleitung bräuchten, daß ihre Wahrnehmung geschult, ihre
Sicherheit und Entscheidungsfähigkeit trainiert werden sollten, daß
sie lernen müßten, „nein“ zu sagen. Ein Kind drückte
klar aus, daß es mit der schwer einstellbaren Krankheit auf Aggressionen
der Eltern reagierte und daß es sich erholen könnte, wenn die
Eltern aufhören würden, sich zu streiten. Die Ideen der Kinder
lassen vermuten, daß sie von weiteren heilungsorientierten Imaginationsanleitungen
oder auch durch spielerische Übungen zur Stärkung der Selbstsicherheit
profitieren könnten. (Eine solche weiterführende Anleitung wurde
jedoch von der leitenden Psychologin der Klinik als nicht günstig
erachtet.)
Jürgen war zum Zeitpunkt der Erhebung dreizehn Jahre alt. Er besuchte
die Realschule und hatte zwei erwachsene Schwestern, die nicht mehr zu
Hause lebten. Der Diabetes war zwei Jahre zuvor festgestellt worden. Jürgens
Mutter vermutete, daß er durch den Tod des Vaters ein Jahr vor Beginn
der Erkrankung ausgelöst wurde. Nach ihrem Eindruck hatte sich Jürgen
durch die Krankheit nicht verändert und war im Alltag nur wenig beeinträchtigt.
Jürgens Krankenakte zeigte jedoch, daß er nach dem Tod des
Vaters eine schwere Zeit durchlebt hatte. Das Krankenhauspersonal berichtete,
daß die Mutter von ihm viel Zuwendung forderte. Jürgen dagegen
vermißte die Unterstützung der Mutter, nachdem der Diabetes
ausgebrochen war. Wegen einer schweren Knieverletzung lag er mehrmals
im Krankenhaus und war länger von ihr getrennt.
Jürgens psychologische Testwerte waren auffällig. Sie zeigten
daß er seine Gefühle stark kontrollierte, wenig von sich überzeugt
war und nur ein geringes Vertrauen in seine Urteils- und Handlungsfähigkeit
hatte. Jürgens Bild zu seiner Familien- situation deutete an, wie
ungeborgen, traurig und einsam er sich fühlte.
Für
dieses Bild nutzte Jürgen nur die linke untere Ecke des Malbogens.
Hier malte er einen grünen Weihnachtsbaum mit zehn leuchtendroten
Kugeln, der auf einem breiten, schwarz ausgemalten Sockel steht. Rechts
neben dem Baum stellte Jürgen seine Familie mit vier schwarzen Strichmännchen
dar. Er selbst als kleineres Strichmännchen - steht außerhalb
dieser Gruppe unter dem Baum in der Nähe des schwarzen Sockels.
Die dargestellte Szene wirkt sehr trostlos. Die Menschen werden ohne Beziehung
zueinander dargestellt, und Jürgen steht ganz allein. Die Anzahl
der roten Kugeln läßt an die zehn Lebensjahre denken, bevor
sein Vater starb, und der Sockel, auf dem der Baum steht, erinnert an
einen Sarg.
Jürgen machte es Spaß, dieses Bild zu malen.
Besonders wichtig waren ihm die Immunzellen. Er erlebt sie als stark und
aggressiv und wäre selbst gern so eine Immunzelle, denn da kann man
kämpfen».
Im
Gespräch über sein Bild deutete er an, daß er sich Halt
und eine klare Führung für die Bewältigung seiner Situation
wünschte. Zu der Frage, was denn geschehen müßte, damit
die Zerstörung der Inselzellen nicht weiter fortschreitet, sagte
er: „Die Immunzellen müßten wieder die anderen (Krankheitserreger)
bekämpfen; sie bräuchten eine Lehrerin, die sie leiten kann.»
Jürgens Bilder zeigen, daß er in sich zwar Kraft und Vitalität
spürte, dies aber nicht offen in seinem Verhalten zum Ausdruck bringen
konnte. Er gab deutliche Hinweise darauf, daß er zur Überwindung
seiner Einsamkeit und emotionalen Verschlossenheit Hilfe und Unterstützung
braucht.
Auch Maren war dreizehn Jahre alt und besuchte die Real-schule. Sie war
das älteste von drei Geschwistern. Maren erkrankte als Vierjährige
nach einer schweren Halsentzündung an Diabetes. Kurz vor Ausbruch
der Krankheit wurde die jüngste Schwester geboren. Zusätzlich
war Maren an einer Schilddrüsenunterfunktion erkrankt, die ebenfalls
auf eine Autoimmunstörung zurückgeführt wurde.
Marens psychologische Testdaten waren sehr auffällig. Sie zeigen,
daß sie starke Angst erlebte, jedoch kaum Möglichkeiten hatte,
ihre emotionale Erregung zu verarbeiten. Ihr Familienbild zeigt Maren
mit ihren Eltern und den beiden Geschwistern bei einem Sonntagsspaziergang.
Sie malte ihr Bild fast ganz mit einem Landschaftshintergrund aus und
stellte die Familienmitglieder eher klein am unteren linken Bildrand dar.
Die Personen sind nebeneinander aufgereiht, jedoch ohne Beziehung zueinander.
Maren steht in der Mitte. Bei einer näheren Betrachtung des Bildes
fällt auf, daß kein Familienmitglied fest auf dem Boden steht;
allen fehlen Beine und Füße, dem kleinsten Kind sogar der gesamte
Unterleib. Neben der Familie sind fünf, am oberen Bildrand acht Bäume
gemalt. Die Bäume sind kahl und wurzellos. Die Zahl der Bäume
entspricht Marens Lebensalter, und die Darstellung der Bäume deutet
ein sehr grundlegendes Gefühl des Mangels an.
Im
Gespräch über ihr Bild machte Maren zusätzlich deutlich,
daß sie ihren Vater oft als ungeduldig und verärgert erlebte
und daß er sehr hohe Leistungsanforderungen an sie stellte. Die
Mutter reagierte eher gleichgültig.
Zu ihrem Bild erzählte Maren mehrere Geschichten von Verwandten,
die gestorben oder in ein Heim geschickt worden waren. Dann erst wagte
sie zu berichten, wie sehr sie unter dem häufigen Streit der Eltern
und unter der Drohung des Vaters litt, sich scheiden zu lassen. Am liebsten,
sagte sie, würde sie dann, „beiden eine knallen“. Statt
dessen ging sie aber in ihr Zimmer und versuchte, ihre Angst und Wut mit
Musik zu betäuben. Maren konnte deutlich aussprechen, was ihr fehlte
und was sie brauchte: «Wenn ich Streß habe, arbeiten die Abwehrzellen
anders. Einige sind mehr davon betroffen. Der Körper muß von
Streß wieder frei werden, so daß es keinen Ärger mehr
gibt.» Maren erzählte auch, daß sie meistens lacht, wenn
sie traurig ist. Als sie ihr Bild zum Abschluß des Gesprächs
noch einmal betrachtete, schien sie sehr angerührt; sie war traurig
und begann zu lachen. Mit ihrem Bild und den Hinweisen, die sie im Gespräch
gab, machte Maren deutlich, daß sie in einer sehr schwierigen Situation
war, die ihr «an die Nieren geht», daß sie dringend
eine gefühlsmäßige Entlastung und klare Unterstützung
für den Umgang mit ihrer Krankheit benötigte.
| Körpererleben und Vorstellungsbilder
zur Immunabwehr bei Krebs |
In den letzten Jahrzehnten haben Krebserkrankungen vor
allem in den westlichen Industrienationen stark zugenommen. Nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen
stellen sie die zweithäufigste Todesursache dar. Trotz enormer Anstrengungen
hat die medizinische Forschung keine wesentlichen Erfolge bei ihren Versuchen
erzielt, die Ursachen von Tumorbildungen zu klären und effektive
Behandlungsformen zu entwickeln.
Die Schulmedizin beschränkt sich in den meisten Fällen
darauf, durch Operation, Strahlen- und Chemotherapie die Lebenszeit der
Patienten zu verlängern. Für die Bewältigung
der erschreckenden Diagnose und der nebenwirkungsreichen Behandlungen
wie auch für die Stabilisierung der Patienten gewinnen in letzter
Zeit psychoonkologische Ansätze und psychologische Hilfen an Bedeutung.
Schon vor etwa zwanzig Jahren entwickelte der amerikanische Onkologe Carl
Simonton ein psychosomatisches Modell der Entstehung und Heilung von Krebserkrankungen.
Seine Vorstellungen waren lange heftig umstritten, sind heute jedoch durch
die neueren Befunde der Psychoneuroimmunologie weitgehend bestätigt.
Simonton beobachtete, daß im Vorfeld einer Krebserkrankung
oft schwere Belastungen auftreten, die der Mensch nicht bewältigen
kann und auf die er mit Gefühlen der Verzweiflung, Depression und
Hoffnungslosigkeit reagiert. Er vermutete, daß mit diesen Gefühlen
eine Schwäch-ung der Immunüberwachung einhergeht und daß
dies ein entscheidender Faktor bei der Bildung von Tumoren ist.
Ein
gesundes Immunsystem ist fähig, abnorme Zellen (die immer wieder bei
der Zellerneuerung auftreten) zu erkennen und zu beseitigen. Während
einer Depression verändern sich verschiedene Körperregulationen:
Ist das hormonelle Gleichgewicht gestört, werden vermehrt abnorme Zellen
produziert, während das Immunsystem geschwächt reagiert und weniger
gut in der Lage ist, sie aufzufinden und zu vernichten.
Simonton (1975, 1982) wies darauf hin, daß Genesungsprozesse möglich
sind, wenn es gelingt, depressive Haltungen zu klären und Vertrauen
und Lebensfreude zu fördern. Die Abbildung zeigt sein Modell der Krebsentwicklung
und Genesung:
Unter starken Belastungen, die ein Mensch als bedrohlich und unkontrollierbar
erlebt und auf die er mit Depression und Resignation antwortet, sendet das
Limbische System biologische Signale aus, die das hormonelle Gleichgewicht
und die Immunität stören. Gelingt es, die emotionale Haltung und
die Lebensperspektive positiv zu verändern, werden unter dieser emotionalen
Tönung die Körperregulationen wieder normalisiert und die Abwehrkräfte
gestärkt.
Gemeinsam mit seiner Frau und einigen Mitarbeitern entwickelte Simonton
ein integratives psychotherapeutisches Programm zur Unterstützung medizinischer
Maßnahmen (1982). Verschiedene Übungen sollen dem Patienten helfen,
seine Selbstwahrnehmung zu sensibilisieren und seine Lebensprobleme zu bewältigen.
Eine der von Simonton entwickelten Übungen ist besonders bekannt geworden:
Die Patienten werden über die Entstehung des Tumors und über die
Bedeutung und Arbeit des Immunsystems informiert. Sie lernen, sich in entspanntem
Zustand den Krebs vorzustellen und wahrzunehmen, wie ihr Immunsystem ihn
auffindet und beseitigt. Begleitende Forschungen zu dieser Imaginationsübung
zeigten, daß die anschließend aufgemalten (meist einfach gestalteten)
Vorstellungsbilder das seelische und psychosomatische Befinden der Patienten
sehr genau widerspiegeln und eine wesentlich bessere Prognose zur Krankheitsentwicklung
ermöglichen als biologische Meßwerte oder das ärztliche
Urteil (Achterberg & Lawlis 1984). Mit Hilfe ihrer Vorstellungskraft
können Menschen offensichtlich Kontakt zu inneren «Glaubenshaltungen»
aufnehmen, die sich nicht durch Worte ausdrücken lassen.
Die folgenden Abbildungen veranschaulichen Imaginationen von Patienten,
die an dem Simonton-Programm teilnahmen. Ihre Erlebnisprozesse und Bilder
wurden von Achterberg und Lawlis analysiert. Die erste Abbildung zeigt Vorstellungsbilder
eines fünfzigjährigen Mannes, der an einem metastasierenden Pankreas-tumor
litt. Mit medizinischen Maßnahmen konnte ihm nicht mehr
In den letzten Jahrzehnten haben Krebserkrankungen vor
allem in den westlichen Industrienationen stark zugenommen. Nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen
stellen sie die zweithäufigste Todesursache dar. Trotz enormer Anstrengungen
hat die medizinische Forschung keine wesentlichen Erfolge bei ihren Versuchen
erzielt, die Ursachen von Tumorbildungen zu klären und effektive
Behandlungsformen zu entwickeln.
Die Schulmedizin beschränkt sich in den meisten Fällen darauf,
durch Operation, Strahlen- und Chemotherapie die Lebenszeit der Patienten
zu verlängern. Für die Bewältigung der erschreckenden Diagnose
und der nebenwirkungsreichen Behandlungen wie auch für die Stabilisierung
der Patienten gewinnen in letzter Zeit psychoonkologische Ansätze
und psychologische Hilfen an Bedeutung.
Schon vor etwa zwanzig Jahren entwickelte der amerikanische Onkologe Carl
Simonton ein psychosomatisches Modell der Entstehung und Heilung von Krebserkrankungen.
Seine Vorstellungen waren lange heftig umstritten, sind heute jedoch durch
die neueren Befunde der Psychoneuroimmunologie weitgehend bestätigt.
Simonton beobachtete, daß im Vorfeld einer Krebserkrankung oft schwere
Belastungen auftreten, die der Mensch nicht bewältigen kann und auf
die er mit Gefühlen der Verzweiflung, Depression und Hoffnungslosigkeit
reagiert. Er vermutete, daß mit diesen Gefühlen eine Schwäch-ung
der Immunüberwachung einhergeht und daß dies ein entscheidender
Faktor bei der Bildung von Tumoren ist.
Ein gesundes Immunsystem ist fähig, abnorme Zellen (die immer wieder
bei der Zellerneuerung auftreten) zu erkennen und zu beseitigen. Während
einer Depression verändern sich verschiedene Körperregulationen:
Ist das hormonelle Gleichgewicht gestört, werden vermehrt abnorme
Zellen produziert, während das Immunsystem geschwächt reagiert
und weniger gut in der Lage ist, sie aufzufinden und zu vernichten.
Simonton (1975, 1982) wies darauf hin, daß Genesungsprozesse möglich
sind, wenn es gelingt, depressive Haltungen zu klären und Vertrauen
und Lebensfreude zu fördern.
Die Abbildung zeigt sein Modell der Krebsentwicklung und Genesung:
Unter starken Belastungen, die ein Mensch als bedrohlich und unkontrollierbar
erlebt und auf die er mit Depression und Resignation antwortet, sendet
das Limbische System biologische Signale aus, die das hormonelle Gleichgewicht
und die Immunität stören. Gelingt es, die emotionale Haltung
und die Lebensperspektive positiv zu verändern, werden unter dieser
emotionalen Tönung die Körperregulationen wieder normalisiert
und die Abwehrkräfte gestärkt.
Gemeinsam mit seiner Frau und einigen Mitarbeitern entwickelte Simonton
ein integratives psychotherapeutisches Programm zur Unterstützung
medizinischer Maßnahmen (1982). Verschiedene Übungen sollen
dem Patienten helfen, seine Selbstwahrnehmung zu sensibilisieren und seine
Lebensprobleme zu bewältigen. Eine der von Simonton entwickelten
Übungen ist besonders bekannt geworden: Die Patienten werden über
die Entstehung des Tumors und über die Bedeutung und Arbeit des Immunsystems
informiert. Sie lernen, sich in entspanntem Zustand den Krebs vorzustellen
und wahrzunehmen, wie ihr Immunsystem ihn auffindet und beseitigt. Begleitende
Forschungen zu dieser Imaginationsübung zeigten, daß die anschließend
aufgemalten (meist einfach gestalteten) Vorstellungsbilder das seelische
und psychosomatische Befinden der Patienten sehr genau widerspiegeln und
eine wesentlich bessere Prognose zur Krankheitsentwicklung ermöglichen
als biologische Meßwerte oder das ärztliche Urteil (Achterberg
& Lawlis 1984). Mit Hilfe ihrer Vorstellungskraft können Menschen
offensichtlich Kontakt zu inneren «Glaubenshaltungen» aufnehmen,
die sich nicht durch Worte ausdrücken lassen.
Die
folgenden Abbildungen veranschaulichen Imaginationen von Patienten, die
an dem Simonton-Programm teilnahmen. Ihre Erlebnisprozesse
und Bilder wurden von Achterberg und Lawlis analysiert. Die erste Abbildung
zeigt Vorstellungsbilder eines fünfzigjährigen Mannes, der an
einem metastasierenden Pankreas-tumor litt. Mit medizinischen Maßnahmen
konnte ihm nicht mehr geholfen werden. Er nutzte die psychotherapeutische
Unterstützung und erlebte, entgegen der ärztlichen Prognose,
eine vollständige Heilung. Zu seinem Krankheitsgeschehen entwickelte
er sehr lebendige Bilder. Er beobachtete, wie seine Immunzellen als Phalanx
«weißer Ritter“ den zunächst recht großen
und fest verpanzerten «Krebsmonstern» gegenüberstehen
und ihre Lanzen auf sie richten. Sie reiten los und stechen zu. In seiner
Vorstellung wurden die Ritter zunehmend größer und machtvoller,
und sie lernten, zielsicher zu treffen. Simontons Patienten waren nur
global über das Immunsystem und nicht über die Funktionen der
einzelnen Immunzellen informiert. Die Vorstellung dieses Patienten reflektiert
jedoch sehr präzise die biologische Fähigkeit der Killerzellen
(vgl. die elektronenmikroskopische Aufnahme), die bei ihm geschwächt
waren.
Während des psychotherapeutischen Prozesses wurde dem Patienten zunehmend
bewußt, wie verschlossen und einseitig er nach dem Verlust eines
nahestehenden Menschen gelebt hatte. Er war seinen Hobbies nicht mehr
nachgegangen, hatte sich emotional zurückgezogen und lebte ähnlich
«verpanzert» wie seine Krebsmonster. Nun begann er sich allmählich
wieder zu öffnen, seine Gefühle, seine Kreativität und
Lebensfreude zu entfalten und sich seelisch und körperlich zu regenerieren.
Die Abbildung zeigt die Vorstellung eines vierzehnjahrigen
Mädchens, das an Leberkrebs erkrankt war und ebenfalls entgegen
der ärztlichen Prognose wieder gesund wurde. Sie stellte sich vor,
wie ihre Immunzellen als große weiße Hunde den Krebs, der
sich in Gestalt von «Schmutz-schnecken» zeigt, aufspüren
und verschlingen. Ihr Vor-stellungsbild reflektiert die biologischen Fähigkeiten
der Freßzelle.
Eine gute und langfristige psychotherapeutische Unterstützung verbessert
oft die Lebensqualität Krebskranker und wirkt unter Umständen
lebensverlängernd. Wolfgang Lenk (1991) weist in einem Aufsatz darauf
hin, daß 210 von Simonton und 322 mit einem ähnlichen Ansatz
von Newton behandelte Patienten mit Brust-, Darm- und Lungenkrebs im Vergleich
mit den Angaben
| Weiße Abwehrhunde fressen
Krebs-Schmutz-schnecken.
Aus: Achterberg & Lawlis 84 |
der nationalen amerikanischen Krebsstatistik deutlich
länger überlebten. Die Patienten entwickelten zum Teil eine
Tumorregression beziehungsweise stabilisierten sich gut. 1990 wurde auf
dem Internationalen Krebskongreß in Hamburg eine Untersuchung von
David Siegel intensiv diskutiert. Siegel hatte über zehn Jahre die
Auswirkungen einer einjährigen Gruppenpsychotherapie bei fünfzig
Frauen mit metastasierendem Brustkrebs verfolgt. Er hatte die Untersuchung
in der Absicht begonnen, die Aussagen von Therapeuten zu widerlegen, die
die positive Wirkung psychosozialer Hilfe bei Krebs hervorheben. So begann
er, die Effekte der Behandlung im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne
psychotherapeutische Unterstützung genau zu analysieren. Er stellte
fest, daß die therapeutische Anleitung nicht nur zur Verbesserung
der Lebensquali'tät, sondern auch zu einer signifikanten Lebens-verlängerung
beitrug. Sie ermutigte die Patientinnen, in wöchentlichen Gruppensitzungen
offen über ihre Gefühle zu sprechen, nach Strategien zur aktiven
Bewältigung von Schwierigkeiten zu suchen und ihr Leben zu genießen.
Zusätzlich erlernten die Frauen einfache Vorstellungsübungen,
vor allem zur Linderung von Schmerzen (Siegel & Bloom 1989).
 |
Zerstörung
einer Krebszelle.Eine Killerzelle hat
ein Loch in die Zellwand gerissen und Gift hineingespritzt. Der
Zellinhalt sickert aus. Die Krebszelle kann nicht überleben.
Die Killerzelle kehrt zum Ruhezustand zurück |
Verschiedene Forschungen (Helm 1988; Jensen 1987; Lakomy
1988; Pettingale 1984; Salemi 1987; Zemore & Shepel 1987. Untersucht
wurde die Bewältigung verschiedenartiger Krebs-erkrankungen, am häufigsten
Brustkrebs) haben aufgezeigt, daß für eine gute Bewältigung
der Krankheit vor allem folgende Faktoren von Bedeutung sind:
Klare Informationen zum Krankheitsgeschehen, die Verminderung
von Stoizismus, Hilf- und Hoffnungslosigkeit sowie die Stärkung von
Zuversicht, realitätsgerechter Konfliktbewältigung und offenem
Gefühlsausdruck.
Für eine Prognose der Krankheitsentwicklung sind
diese psychologischen Aspekte von wesentlich größerer Bedeutung
als soziodemographische und medizinische Variablen (Fillip 1988). Psychosomatische
Sehweisen zur Krebserkrankung sind inzwischen vielen Patienten durch populäre
Veröffentlichungen vertraut. Obwohl die meisten Krebskranken eine
langfristige psychotherapeutische Unterstützung nicht in Betracht
ziehen, sind viele Patienten an Informationen über Gesundheitsverhalten
und an psychologischen Übungen zur Selbsthilfe interessiert.
In einem Überblick über alternative Ansätze in der Krebsbehandlung
wies Michael Lerner (1989) daraufhin, daß Krebspatienten in den
USA besonders häufig die von Simonton entwickelte Imagination zum
Krankheitsgeschehen erlernen und zur Unterstützung der medizinischen
Behandlung einsetzen. Auch in Deutschland suchen immer mehr Krebspatienten
nach solchen Anleitungen.
In zahlreichen retro- und prospektiven Untersuchungen mit zum Teil großen
Bevölkerungsgruppen wurden immer wieder Aspekte der sogenannten Krebspersönlichkeit
beleuchtet. Obwohl die meisten Erhebungen aufgrund der unterschiedlichen
soziometrischen Methoden nicht direkt vergleichbar sind, beindruckt doch
die Konsistenz der Befunde. Das psychologische Profil, das mit der Entwicklung
von Krebserkrankungen korreliert, zeigt vor allem folgende Elemente: die
Tendenz, sich an Normen anzupassen, Gefühle (vor allem Angst und
Ärger) und persönliche Bedürfnisse zu unterdrücken
und ein unauffälliges, freundliches Verhalten zu zeigen.
Der Psychoonkologe und Therapeut Wolf Büntig (1982) be-schreibt das
zugrundeliegende Lebensgefühl als Verzweiflung und Depression, die
durch soziale Angepaßtheit, gute Leistungen, ein scheinbar glückliches
Familienleben «maskiert» sind; bei Verlusten und starken Belastungen
brechen sie auf und sind nur schwer unter Kontrolle zu halten.
Der Medizinsoziologe und Therapeut Ronald Grossart Matticek (1982, 1985),
der anhand solcher Persönlichkeitsmerkmale bei großen Bevölkerungsgruppen
eine spätere Krebserkrankung voraussagen konnte, fand ebenfalls die
Neigung eine Bezugsperson oder das Erreichen eines beruflichen Ziels als
wichtige Bedingung für das eigene Wohlergehen anzusehen und sich
in einer starken Abhängigkeit zu binden («Ich tue alles für
dich, dann liebst du mich»). Grossarth-Matticek beobachtete ein
großes „Bemühen um Harmonisierung bei Loyalitatskonflikten»
und die Bereitschaft »einzulenken, nachzugeben, sich selbst zurückzustellen».
Ver-schiedene Untersuchungen zeigen, daß diese Haltungen im Kontakt
mit den frühen Bezugspersonen gelernt werden. Menschen, die später
an Krebs erkrankten, berichteten von fehlendem Kontakt oder mangelnder
Wärme zwischen sich und den Eltern (Shafferetal 87).
Der Psychotherapeut Lawrence LeShan geht nach seiner jahrzehntelangen
Arbeit mit Krebskranken davon aus, daß vor allem Menschen erkranken,
die ihre persönliche Rolle im Leben nicht gefunden und vergeblich
nach dem Sinn ihres Lebens gesucht haben. «Der größte
psychische Faktor in der Krebsentstehung ist Entfremdung», sagte
LeShan (1992) in einem Interview mit der Zeitschrift Psychologie heute.
«Und wenn es gelingt, diese Entfremdung in der Therapie aufzuheben,
ist eine Heilung möglich.» Kampfgeist, der sich auch in einem
«widerspenstigen» und wenig pflegeleichten Patientenverhalten
zeigt, ist für ihn ein wichtiger Schritt auf diesem Weg.
Die Vermehrung und Ausbreitung von Krebszellen steht im Zusammenhang mit
einem spezifischen psychobiologischen Muster: Der Mensch reagiert auf
Lebensveränderungen und starke Belastungen ängstlich, hilflos,
depressiv, stoisch und drückt negative Gefühle nicht adäquat
aus; die Ausschüttung von Streßhormonen ist erhöht und
die Immunüberwachung geschwächt (vor allem durch eine verminderte
Funktionsfähigkeit der Killerzellen, zum Teil auch der Helfer- und
Freßzellen). Im Vorfeld der Diagnose wurden häufig schwere
Belastungen Trennungen, Verluste - beobachtet. Ohne aktive Suche nach
Kommunikation und sozialer Unterstützung müssen alle Versuche,
ein neues Gleichgewicht zu finden, innerlich erfolgen, wodurch der Organismus
zusätzlich belastet und überfordert ist. Sandra Levy identifizierte
als spezifische Risikofaktoren für die Krankheitsbewältigung:
soziale Isolation, Hilflosigkeit, Depression, Ängstlichkeit
und Unterdrückung des emotionalen Ausdrucks. Sie sieht einen
direkten Kausalbezug zwischen diesen psychosozialen Aspekten, der Schwächung
der Immunzellen und einem Tumorwachstum. Mit einer immunologischen und
körperlichen Stabilisierung waren dagegen korreliert: offener Emotionsausdruck,
freudige Erlebnisse, «seltsames Verhalten», das heißt
Versuche, aus dem angepaßten Verhaltensmuster auszubrechen. Levy
geht davon aus, daß gute soziale Unterstützung von großer
Bedeutung für die Bewältigung von Krebserkrankungen ist. Sie
meint damit soziale Kontakte, die den Patienten ermutigen, seine Gefühle
wahrzunehmen und auszudrücken, ihm modellhaft neue Strategien zur
Streßminderung nahebringen und ihm einen neuen Bezugsrahmen für
die Lösung von Konflikten aufzeigen.
„Reise zum inneren Heiler» . Die Übung
führt über verschiedene Stationen vom Körpererleben zum
persönlichen Ruhebild, zur Vertiefung der Entspannung in einem „heilenden
Bad» und schließlich zu einer Begegnung mit einem »
liebevollen und weisen» Wesen. Nach meiner Erfahrung lassen sich
auch kranke Menschen auf diese Übung ein, finden persönliche
Bilder zu den verschiedenen Szenen und erleben meist eine sehr umfassende
Entspannung. Die Übung führt in organismische und seelische
Tiefenschichten von oft archetypischer Qualität. Im allgemeinen werden
dabei Bilder und Empfindungen wach, die eine kompensatorische Qualität
haben.
Die „Ruheszene» und die Empfindungen beim » Bad»
können in schwierigen Zeiten leicht in die Erinnerung zurückgeholt
werden und spannungslösend und stärkend wirken. Das «
Wesen» verdeutlicht oft Fähigkeiten der eigenen Person, die
latent vorhanden sind und verwirklicht werden können.
Die Teilnehmerinnen waren im Mittel 52 (38 bis 77) Jahre alt, seit durchschnittlich
vier Jahren (überwiegend schwer) erkrankt und meist nur unzureichend
über ihre Krankheit informiert. Alle hatten eine Tumoroperation hinter
sich, meist auch Strahlen- oder Chemotherapie. Viele waren zusätzlich
mit immunstimulierenden Mitteln behandelt worden. Alle hatten ihre Ernährung
umgestellt, die meisten hatten aufgehört zu rauchen. Fast alle hatten
im Vorfeld der Diagnose schwere Belastungen erlebt:
Tod oder Trennung von wichtigen Bezugspersonen, lang andauernden häuslichen
Ärger, Überlastung im Beruf oder durch Pflege von Verwandten.
Einige Frauen sahen auch Zusammenhänge zwischen ihrer Erkrankung
und Schuldgefühlen, Langeweile oder einer extremen Orientierung nach
außen und auf andere Personen. Alle berichteten über starke
Ängste vor Kontrolluntersuchungen, den medizinischen Behandlungen,
Schmerzen und dem Tod. Ihre psychologischen Testdaten zeigten, daß
sie Schwierigkeiten hatten, mit erlebten Widersprüchen und Konflikten
(innerseelischen und solchen in der äußeren Realität)
umzugehen und konstruktive Lösungsstrategien zu entwickeln. Sie vermieden
es, Empfindungen wahrzunehmen und auszudrücken, und wehrten vor allem
aggressive Impulse ab. Die Befunde zeigen, wie wichtig die Erkundung von
Realitätskonzep-ten und Gefühlen für die Krankheitsbewältigung
ist.
Die Bilder zeigen, daß die Frauen bestimmte Körperbereiche
(vor allem Sinnesorgane, Hände, Füße, Geschlechtsorgane)
oftmals kaum spüren konnten. Die Körpererfahrung wurde zum Teil
farblos, mit wenigen Farben oder nur als Umrißzeichnung gestaltet.
Zwischen diesen Gestaltungsmerkmalen und psychologischen Haltungen fand
Eggers-Asmuth substantielle Zusammenhänge: Ein hohes Maß sozialer
Angepaßtheit und emotionaler Zurückhaltung war mit eher farbloser
Gestaltung verbunden. Frauen, die ihre Gefühle stark kontrollierten,
malten eher Umrißzeichnungen, die das Körperinnere leer ließen
oder in denen Extremitäten, vor allem Hände oder auch Füße,
fehlten.
Frau
D. war 66 Jahre alt und seit zwei Jahren an Brust- und Rectumkrebs mit
Metastasen in der Leber erkrankt. Vor der Diagnose war ihre Mutter an
Krebs gestorben, und Frau D. hatte eine Zeit hinter sich, in der sie durch
die Pflege der Schwerkranken und zusätzlich durch Ehescheidungen
beider Töchter stark belastet gewesen war. Eine Prognose wurde ihr
vom Arzt nicht mitgeteilt. Sie selbst hielt eine Besserung für möglich,
hatte jedoch Angst vor dem Fortschreiten der Erkrankung und vor dem Verlust
ihrer Attraktivität.
Untenstehende Abbildungen zeigen das Körpererleben von zwei Frauen,
die in ihrer Fähigkeit, realitätsgerechte Problemlösungen
anzustreben und ihren Gefühlen Ausdruck zu geben, unbeeinträchtigt
wirkten. Beide waren bestrebt, ihre Erkrankung durch die Suche nach Religiosität
und Lebenssinn zu bewältigen. Zur Gestaltung ihres Körpererlebens
nutzten sie mehrere Farben und stellten unterschiedliche Empfindungen
auch durch das Ausmalen des Körpers dar.
Frau
E. war 46 Jahre alt und seit drei Jahren an einem Tumor des rechten Innenohrs
erkrankt. Aus ärztlicher Sicht war die Entwicklung der Krankheit
«nicht einschätzbar». Frau E hielt eine Heilung für
möglich. Vor der Diagnose hatte sie starke Belastungen in Beruf und
Familie erlebt. Obwohl sie sich von ihrem Mann gut unterstützt fühlte,
hatte sie Angst, daß er ihr seine Zuwendung bei einer Verschlech-terung
ihres Befindens entziehen könnte. - Sie zeichnete sich von der Seite,
so daß ihr erkranktes Ohr, das ihr wesentlich größer
erschien als ihr linkes, sichtbar wird. In ihrem Oberkörper und vor
allem in den Händen spürte sie Wärme, die sie gelb, rot
und orange malte. Ihre untere Körperhälfte, besonders die Füße,
empfand sie als kühler, was sie durch eine blaue Tönung zum
Ausdruck brachte.
Frau
F. war 56 Jahre alt und seit zwei Jahren an Darmkrebs mit Metastasen in
Leber, Lunge und Vagina erkrankt. Ihre Lebenserwartung lag nach Einschätzung
der Ärzte zwischen einem und fünf Jahren. Frau F hielt eine
Besserung für möglich. Vor der Diagnose hatte sie sich durch
eine schwere Erkrankung ihres Mannes und durch unerträgliche Langeweile
im Beruf belastet gefühlt. Sie übte ihren Beruf nicht mehr aus
und erlebte, daß sich ihre Beziehungen zu Familienangehörigen
und Verwandten vertieften. Sie suchte bewußt nach neuen Lebenszielen.
Die abschließende Reise zum «inneren Heiler» hat alle
Frauen sehr berührt. Sie erlebten ihren Ruheort und vor allem das
«heilende» Bad als tief entspannend und fühlten sich
erholt, gekräftigt, zum Teil auch «schön», «heil».
Das «Wesen», das zu ihnen kam, trug oft Züge der Mutter,
des Vaters, Ehemannes oder geliebter verstorbener Personen. Die Gestalten
waren jedoch durch eine Ausstrahlung von Güte, Liebe und Weisheit
überhöht. Die bildlichen und wörtlichen Beschreibungen
der Begegnung mit dem «Wesen» ließen eine tiefe Sehnsucht
nach liebender Bezogenheit spüren. Die Gestalten vermittelten den
Frauen Trost und in Form von Geschenken (Schlüssel, Krüge, Ringe,
Bücher) vielfältige Anregungen und die Ermutigung, an den Wert
und die Kraft der eigenen Person zu glauben. Für die Frauen war es
wichtig, nach der Übung zu erkennen, daß diese Erfahrungen
und das Bild des Wesens und dessen Fähigkeiten aus ihnen selbst kamen.
Frau B. konnte sich in dem «heilenden Bad» tief entspannen
und fühlte sich anschließend «harmonisch» und «schön».
Ihr kam ein Wesen entgegen, das Züge ihres Mannes trug und dem sie
Liebe und Vertrauen entgegenbrachte. «Läßt du mich nicht
im Stich?» fragte sie es. Es umarmte sie liebevoll und gab ihr einen
Schlüssel. «Mein Wunsch wird erfüllt», spürte
Frau B.
Frau E. verweilte «genüßlich» in dem Bad und fühlte
sich anschließend «entspannt» und «schön».
Vertrauensvoll ging sie auf ein Wesen zu, das ihr mit ausgebreiteten Armen
entgegenkam. Zunächst meinte sie, Züge ihrer Mutter zu entdecken,
doch dann erkannte sie ein «gütiges, überirdisches, gottähnliches
Wesen» in der Gestalt eines älteren Mannes. Sie vertraute diesem
Wesen und fragte: Werde ich gesund?» Sie hörte ein »Ja»
und erhielt einen Ring, mit dem sie immer wieder innerlich Kontakt zu
diesem gütigen und weisen Mann aufnehmen kann.
Die Rückantworten der Frauen sechs Wochen und fünf Monate nach
Ende der Anleitung zeigten, daß sie die Übungen als sinn-voll
und hilfreich erlebten. Sie führten sie teilweise regelmäßig
weiter oder nutzten sie vor allem in schwierigen Zeiten (während
chemotherapeutischer Behandlungsphasen, bei deprimierenden Erfahrungen
im Alltag), um sich seelisch zu stärken und Gefühlen der Hilf-
und Hoffnungslosigkeit entgegenzuwirken:
Bei meinen täglichen Übungen merke ich, daß ich ruhiger
werde; die Traurigkeit, die mich immer wieder überfällt, kann
ich damit in den Griff bekommen.» - »Mit der Übung bekämpfe
ich meine Schmerzen. Ich konnte meine Tabletteneinnahme reduzieren.»
- »Ich bin ruhiger geworden und beschäftige mich mehr mit Hobbies
und angenehmen Dingen.» - Viele Frauen nahmen sich mehr Zeit für
sich, begannen Tagebuch zu schreiben oder malten. Einige begannen mit
neuen Unternehmungen.
Frau
B. berichtete: «Man bekommt ein ganz anderes positives Körpergefühl.
Ich spüre ganz deutlich, wie ich meine Abwehrzel-len aktivieren kann.
Zehn Minuten Entspannung gibt mir Kraft für viele Stunden. Nach dreizehn
Jahren habe ich meine Berufstätig-keit wiederaufgenommen. Ich habe
neue Kontakte durch den Beruf und mehr Spaß an Unternehmungen.»
Für drei verstorbene Teilnehmerinnen antworteten ihre Fainilienangehörigen.
Aus ihren Mitteilungen geht hervor, daß die Frauen sich über
ihre Erfahrun-gen intensiv mit ihrer Familie ausgetauscht hatten. Ein
Ehemann teilte mit, daß die Gruppensitzungen seiner Frau viel gegeben
und dazu beigetragen hätten, ihr die letzten Wochen vor ihrem Tod
zu erleichtern.
Gesundheitsförderung bei einer HIV-Infektion
Psychoimmunologische Forschungen haben deutlich gemacht,
daß das regulative Gleichgewicht zwischen Zentralnerven-, Immun-
und Hormonsystem eine wichtige Voraussetzung für Gesundheit ist und
vor allem unter Belastungen gestört wird, die subjektiv als unkontrollierbar
empfunden werden. Solche
Belastungen und die damit verbundenen Gefühle von Angst, Hilflosigkeit
und Depression können im Vorfeld einer HIV-positiv-Diagnose aufgetreten
sein und eine Infektion begünstigen. Aber auch die Diagnose selbst,
verbunden mit den bisher fehlenden medizinischen Therapieangeboten, stellt
ein solches Ereignis dar. Es ist deshalb von großer Bedeutung, wie
diese Diagnose verarbeitet wird und ob es gelingt, eine Perspektive zu
finden, die Angst und Resignation überwinden hilft und das Vertrauen
in die eigene Person und die Bewältigungskraft stärkt.
Verschiedene amerikanische Untersuchungen zeigen, daß der Verlauf
einer HIV-Infektion und Aids-Erkrankung durch seelische Haltungen beeinflußt
wird (Antoni et al. 1990; Solomon et al. 1987, ,99'). Bei HIV-Infizierten
wurden Zusammenhänge zwischen gutem Immunstatus und geringer Ausprägung
von Angst und Depression beobachtet. HIV-Infizierte mit gutem Immunstatus
zeigten ein hohes Ausmaß an hardiness (Widerstandskraft), das heißt,
sie fühlten sich weniger entfremdet, machtlos und ausgeliefert; sie
entwickelten vielmehr Verantwortungsgefühl und Vertrauen in die Wirksamkeit
ihres Handelns und nahmen Lebensveränderungen als Herausforderung
an. Sie waren in der Lage, eigene Interessen wahrzunehmen und klar zu
verfolgen und unerwünschte Anfragen offen abzuweisen. Einige Untersuchungen
ergaben, daß sich der Immunstatus von HIV-Infizierten bei Trauerprozessen
nicht wie bei Gesunden verschlechtert. Aids-Kranke, die eine von den Ärzten
prognostizierte Lebensdauer weit überschritten, hatten einen besseren
Immunstatus als Patienten, die frühzeitig starben, und zeigten ein
höheres Ausmaß an hardiness; Angst und Depression waren bei
ihnen weniger ausgeprägt, und sie verhielten sich nicht unangemessen
altruistisch in dem Sinne, daß sie anderen halfen, obwohl sie dies
eigentlich gar nicht wollten.
Die amerikanischen Psychotherapeuten Christopher Allers und Karen Benjack
stellten fest, daß HIV-Infizicrtc überdurchschnittlich häufig
in ihrer Kindheit körperlich und scxucll mißhandclt wurden
warcn. Sic wciscn daraufhin, daß typische Folgcschädcn solcher
Mißhandlungen - Alkohol- und Drogenmißbrauch, t)epression,
Promiskuität, mangelnde Ich-Stärke, die Unfähigkeit, sich
gegenüber Forderungen von Partnern zu behaupten oder auf «
safer sex zu bestehen - das Infektionsrisiko signifikant erhühen
(Psychologie heute 6/92>. Ute Waschulewski, die (1989> zweihundert
Jugendliche zu ihrem W.ssen über Aids befragte, fand bei Jugendlichen,
die sexuelle Mißhandlungen angaben, ein deutlich geringeres Bewußtsein
über Gefährdung und Schutzmaßnahmen.
Eine deutsche Untersuchung (Bliemeister et al. 1992) ergab, daß
sich die Bewältigungsstrategien von HIV-Infizierten mit gutem von
denen mit kritischem Immunstatus (weniger als vierhundert T4-Helferzellen
pro Milliliter Blut) deutlich unterschieden. Infizierte mit gutem Immunstatus
verdrängten ihre Infektion nicht, verstrickten sich aber auch nicht
in Grübeleien («Warum ich?»). Sie suchten vielmehr aktiv
nach krankheitsbezogener Information und nach Bewältigungsmöglichkeiten
und gingen davon aus, daß sie ihren Gesundheitszustand selbst mitbeeinflussen
können. Sie erlebten ihre sozialen Beziehungen als gut und ihre sexuellen
Kontakte als befriedigend. Auch sprachen sie offen mit anderen Menschen
über ihre Infektion. Sie suchten nach Möglichkeiten der Gesundheitsförderung
und befanden sich seltener in ärztlicher Behandlung.
Eine HIV-Diagnose löst im allgemeinen Betroffenheit und angstvolle
Phantasien oder Schuldgefühle aus (zum Beispiel bestraft, von anderen
abgelehnt zu werden; körperliche Attraktivität zu verlieren;
dahinsiechen und sterben zu müssen). Das Ausmaß von Angst und
Schuldgefühlen steht auch im Zusammenhang mit dem allgemeinen Selbst-
und Lebensgefühl. Die Diagnose kann bisher unterdrückte Verzweiflung
und Unsicherheit über den Wert der eigenen Person aktualisieren,
den Sinn bisheriger Lebensziele in Frage stellen und das vertraute Lebenskonzept
sehr erschüttern. Diese Erschütterung bietet aber auch die Möglichkeit,
ungünstige Haltungen zu klären, sich neu zu orientieren und
zu verändern. Die vorliegenden psychoimmunologischen Erkenntnisse
deuten an, daß für die innere Bewältigung einer HIV-Infektion
vor allem die Überwindung von Angst, Depression, Fatalismus sowie
die Stärkung von Vertrauen in den Wert der eigenen Person und die
Wirksamkeit eigenen Handelns von Bedeutung ist. Dies können Betroffene
unter anderem dadurch begünstigen, daß sie aktiv Informationen
zu ihrer Erkrankung sammeln, sich um gute soziale Kontakte bemühen,
«Geheimnisse» klären und mitteilen, ihre eigenen Bedürfnisse
zum Ausdruck bringen und die Fähigkeit üben, unerwünschte
Anfragen offen abzulehnen; auch die Suche nach Entspannung und innerer
Ruhe gehört dazu.
Erprobt und in häuslichen Übungen vertieft wurden: Vorstellungen
zur Stärkung der körperlich-seelischen Widerstandskraft und
zur Sensibilisierung des Körpererlebens (Reise durch den Körper);
Informationen über psychoimmunologische Zusammenhänge und eine
Imagination zur eigenen Immunkraft; eine Anleitung zur körperlich-seelischen
Tiefenentspannung (Reise zum inneren Heiler).
Die sieben Teilnehmer waren im Mittel 31 Jahre alt; drei lebten allein,
vier in einer festen Partnerschaft. Sie hatten ein eher hohes Bildungsniveau
und waren beruflich erfolgreich.
Die Mitteilung der Diagnose wurde von einigen als «brutal»
und «entwürdigend» beschrieben. Fast alle fühlten
sich anschließend hilflos, ausgeliefert und voller Angst. Alle Teilnehmer
führten ihre Infektion auf ungeschützten Geschlechtsverkehr
zurück.
Fünf Teilnehmer hatten eine nebenwirkungsreiche Therapie (Retrovir)
explizit abgelehnt, nahmen aber regelmäßig ärztliche Kontrolluntersuchungen
wahr. Drei Teilnehmer hatten den Eindruck, daß diese Untersuchungen
eher Angst und Schwäche verstärkten, und nahmen sie nicht oder
unregelmäßig wahr.
Die Teilnehmer waren gut über Übertragungswege und den möglichen
Verlauf einer HIV-Infektion und Aids-Erkrankung informiert. Sie hatten
jedoch gar keine, unklare oder auch falsche Vorstellungen über Funktion
und Aufnau des Immunsystems und immunologische Auswirkungen der Infektion.
Kein Teilnehmer war mit biopsychologischen und psychoimmunologischen Aspekten
vertraut oder konnte die Ergebnisse ärztlicher Kontrolluntersuchungen
klar interpretieren. Das heißt, die Teilnehmer wußten nicht,
daß sie durch Verhaltensgewohnheiten und seelische Einstellungen
zur Schwächung, aber auch zur Stärkung ihrer Immunität
und zur Stabilisierung ihres Befindens beitragen können. Durch diesen
Mangel an gegründeter Information waren sie auch nicht in der Lage,
positive Vorstellungen und Ziele für die Zukunft zu entwickeln -
was für die Überwindung von Angst und Resignation von großer
Bedeutung ist. Da alle Teilnehmer sich aktiv um Informationen bemüht
hatten, nehme ich an, daß (psycho-)immunologische Aspekte bei der
Beratung HIV-infizierter Menschen noch nicht ausreichend berücksichtigt
werden.
Alle Teilnehmer vermuteten jedoch, daß sie selbst ihr Befinden mitbeeinflussen
konnten, und hofften auf eine Stabilisierung oder auch Verbesserung ihres
Zustands. Bis auf die beiden Teilnehmer, die erst seit drei Monaten um
ihre Infektion wußten, hatten sie auch Zusammenhänge zwischen
situativen Bedingungen und ihrem Befinden wahrgenommen. Sie hatten unter
anderem beobachtet, daß dieses sich bei Ärger, Schuldgefühlen,
Angst, Partnerproblemen, Depression, Leistungsdruck oder zuviel Alkohol
verschlechterte. Eine Verbesserung spürten sie im Zusammenhang mit
langem Schlaf, befriedigenden freundschaftlichen und sexuellen Kontakten,
nach konstruktiven Gesprächen, intensiven Naturerlebnissen, offenem
Gefühlsausdruck und bei innerer Ruhe. Deutlich wurde jedoch auch,
daß das allgemeine Lebensgefühl der Teilnehmer durch Depression,
Angst und Sorgen getrübt war. Zu der Frage, wie es ihnen in drei
Jahren gehen werde, offenbarten sie entweder gar keine oder eher pessimistische
Vorstellungen. Ohne fundierte Informationen über konkrete Möglichkeiten,
wie man das eigene Befinden positiv beeinflussen kann, ist es sehr schwer,
hoffnungsvolle und gesundheitsorientierte Zukunftsbilder zu entwickeln
- viele empfinden eine solche Haltung vermutlich auch als «illusionistisch»
oder verrückt.
Die Übung «Reise durch den Körper» sprach alle Teilnehmer
an. Sie fühlten sich anschließend entspannt, belebt und innerlich
berührt.
Zu ihren Bildern empfanden die meisten allerdings zunächst Ablehnung
oder auch Verachtung. Sie gingen jedoch bereitwillig auf meinen Vorschlag
ein, die Körperzeichnung als Ausdruck persönlicher und eventuell
auch kindlicher Empfindungen anzunehmen und gemeinsam zu überlegen,
was jedes «Kind» braucht.
Im weiteren Verlauf informierten sich die Teilnehmer über die Wirkungsweise
des Immunsystems und psychoimmunologische Erkenntnisse. Diese Informationen
waren den Teilnehmer sehr wichtig, denn sie gaben ihnen eine Art Erlaubnis,
sich ganz konkret mit Vorstellungen zu befassen, die - bis dahin unmöglich
für sie - von Hoffnung getragen und auf Gesundung orientiert waren.
Sie hatten zwar ein inneres Bedürfnis gespürt, auf eine Stabilisierung
oder auch Verbesserung ihres Befindens zu hoffen, doch hatten sie bisher
alle Informationen zum Fortschreiten der HIV-Infektion so aufgefaßt,
«daß man nach einiger Zeit Aids entwickelt und unweigerlich
stirbt». Diese entmutigende Information hatte alle Ansätze
zu hoffnungsvollen Vorstellungen als «verrückt», «lächerlich»
blockiert.
Persönliche Einfälle zur Stärkung ihrer eigenen Immunkraft
erprobten die Teilnehmer anschließend bei einer Imagination zum
Immunsystem. Ich leitete sie dazu an, sich die gesunde Immunfunktion vorzustellen
und betonte dabei besonders die biologische Fähigkeit, Immunzellen
im Knochenmark nachzubilden, die Fähigkeit der Immunzellen, zwischen
«selbst» (körpereigenen Zellen) und «fremd»
(körperfremden Zellen, Viren) zu unterscheiden, sowie die spezifischen
Funktionen von Helfer-, Killer- und Freßzellen bei der Beseitigung
von Krankheitserregern. Anhand der gemalten Vorstellungsbilder konnten
anschließend die (zahlreichen) Mißverständnisse über
die Arbeitsweise des Immunsystems geklärt werden.
Alle Teilnehmer führten die «Reise durch den Körper»
in der folgenden Woche weiter und erprobten stärkende Vorstellungen
zur Immunfunktion. Sie erlebten, wie die Entspannung, zum Teil auch das
Gefühl von Kraft und Wohlbefinden zunahmen. Sie fanden unterschiedliche
Bilder zur Stärkung ihrer Abwehrkraft: Licht in die Körperzellen
atmen; die Körperzellen oder das Blut von «Fremdem» reinigen;
die Immunzellen greifen das HI-Virus an...
Zur Veranschaulichung gebe ich die Erfahrungen von Herrn D wieder. Er
berichtete in seinem Wochenprotokoll: «Tagsüber denke ich oft
daran, daß helles weißes Licht meinen Körper durchflutet
und alles <Kranke> auflöst. An der Vorstellung, daß meine
Abwehrzellen in Rüstung und mit Waffen wie Lanzen, Schwertern und
großen Messern in den Kampf ziehen, habe ich großen Gefallen
gefunden. Ich empfinde diese Vorstellung als ermutigend und kraftvoll.
Teilweise stimmt sie mich sogar glücklich. Der Gedanke, krank zu
werden, ist fast weg.“ Herr D sah bei der Imagination auch, wie
die Immunzellen gut zusamnienarbeiten. Besonders fasziniert war er VOfl
der Vorstellung, wie seine Killerzelle das HI-Virus mit vielen Messern
niedersticht. Er berichtete auch, daß die Imaginationsübungen
ihn in bestimmten Lebenssituationen ermutigten, «nein» zu
sagen. Herr D entwickelte lebendige und klare Vorstellungen zu seiner
körperlichen Abwehrkraft, und zugleich formten sich dabei Symbole,
mit denen er in seinem Körperbild Schmerz und Leiden ausgedrückt
hatte (die Messer), zu aktiver Verteidigungsfähigkeit um. Das heißt
auch, es bildete sich eine neue Perspektive, in der aus der «festgeschraubten<>
passiv-erduldenden Haltung zielbewußte Selbstbehauptung wurde, die
sich auch als Verhaltenskompetenz in äußeren Situationen zeigte.
Die Erfahrung von Herrn D veranschaulicht einen wichtigen Effekt heilungsorientierter
Vorstellungsübungen: Indem man spezifische Fähigkeiten in der
Vorstellung - in einem inneren Rollenspiel - erprobt, übt man sie
auch ein und kann sie im Verhalten leichter realisieren.
In der dritten Sitzung wurde eine «Reise zum inneren Heiler»
durchgeführt. Alle Teilnehmer waren von dieser inneren Reise sehr
berührt. Sie hatten sich an ihrem Ruheort wohlig entspannt und in
dem Bad eine Lösung von Schmerz, Negativität und Trauer erlebt.
Sie spürten eine belebende Wirkung als «Prickeln» oder
«Vibrieren von Körperzellen». Herr D fand eine «heilige
Quelle» und mußte zunächst die Befürchtung überwinden,
«nicht würdig» zu sein. Im Kontakt mit dem «inneren
Heiler<> (einem «liebevollen» und weisen Wesen) fühlten
die Teilnehmer vor allem Ehrfurcht, Vertrauen, Sicherheit, Freude und
Dankbarkeit - Empfindungen, die mit Angst und Depression unvereinbar sind.
Für Menschen mit einer belastenden Krankheitsdiagnose kann es sehr
wichtig sein zu erleben, daß ihre Fähigkeit, Vertrauen und
Freude zu empfinden, nicht verschüttet ist.
Das «Wesen « erschien den Teilnehmern als weiser alter Mann,
der sie ermutigte, den eingeschlagenen «Weg zum Leben» weiterzugehen
und sich selbst zu vertrauen. Nach C. G. Jung (1983) erscheint die Gestalt
des alten Weisen in Märchen, Träumen und Imaginationen sehr
oft dann, wenn der Held sich in einer verzweifelten Situation befindet,
aus der ihn nur gründliche Überlegung oder ein glücklicher
Einfall befreien kann, aber aus äußeren oder inneren Gründen
noch nicht in der Lage ist, diese Leistung zu vollbringen. Dann tritt
die nötige Erkenntnis als personifizierter Gedanke eben in der Gestalt
des weisen Alten auf. Da sie dwchaus nicht bei allen Gruppen und Menschen
erscheint, mit denen ich die Übung bisher durchgeführt habe,
vermute ich, daß sie für diese Teilnehmer im Zusammenhang mit
ihrer Frage nach Heilung eine ganz besondere Bedeutung hat.
Zwei Teilnehmern wurde in ihrer Imagination ein Schlüssel übergeben.
Herrn D überreichte der innere Heiler auf die Frage, was er für
sein «Steinherz» tun könne, einen Schlüssel, der
genau in sein Herz passte. Die anderen Teilnehmer erhielten eine Kugel.
Auch über eine solche Vorstellung wurde mir bisher im Zusammenhang
mit der Übung selten berichtet.
Da sich alle Teilnehmer während der Imagination mit Fragen zur Bewältigung
der HIV-Infektion beschäftigten, vermute ich, daß die Kugel
- als Symbol innerer Ganzheit - eine wichtige innere Mitteilung darstellt.
Herr C hatte nur geringfügige körperliche Beschwerden, und seine
psychologischen Testdaten waren unauffällig. Sein Bild zeigt seinen
Weg; er führt durch Blumenwiesen an einem Berghang entlang zu einem
Badeplatz, der von einer Quelle gespeist wird. Nach dem «entspannenden
und erfrischenden» Bad begegnete Herr C einem alten weisen Mann,
der von einem Löwen begleitet wurde. Zu beiden Wesen empfand er ein
starkes Vertrauen. Auf seine Frage «Kann ich mich heilen
?» nickten beide. Herr C erhielt eine weiße Kristallkugel,
die für ihn «Klarheit, Harmonie, Härte und Energie der
Erde» symbolisierte. Er spürte «tiefes Vertrauen zur
Umgebung, den Wesen und zu mir selbst».
Zwei Monate nach Abschluß der Gruppensitzungen antworteten sechs
Teilnehmer auf eine schriftliche Nachbefragung. Sie berichteten, daß
sie die «Reise durch den Körper» oder auch alle Übungen
weiterführten, daß sie sich dadurch «gestärkt»,
«mehr in meinem Körper», »klarer», »gelassener»,
„offener» fühlen. Insgesamt spürten sie mehr Selbstsicherheit,
Klarheit, Kraft und Hoffnung; Angst und körperliche Blockierungen
hatten sich vermindert. Zum Teil erlebten sie sich in Beziehungen als
offener und bei Konflikten als durchsetzungsfähiger. Herr D berichtete
über einen beruflichen Aufstieg in eine Führungsposition.
Herr C wurde von dem alten Weisen mit dem Löwen
schrittweise zu Erinnerungen an belastende Erfahrungen geführt.
Die beiden Teilnehmer, die erst wenige Monate von ihrer Infektion wußten
und unsicher gewesen waren, ob sie ihren Immunstatus weiter überprüfen
lassen sollten, hatten sich für eine begleitende ärztliche Kontrolle
entschieden. Beide erfuhren, daß sich ihr Immunstatus positiv
verändert hatte. Alle Teilnehmer bewerteten die Anleitung
als hilfreich und hielten es für sinnvoll, die Informationen und
Übungen über die Aids-Hilfe - also eine vertraute Institution
- anzubieten.
Zusammenfassung:
Die Teilnehmer machten die Erfahrung, daß sie ihr Befinden durch
eigene Bemühungen positiv beeinflussen können. Dieses Selbsthilfepotential
war jedoch zum Teil gebremst durch unklare, fehlende und pessimistisch
getönte Auskünfte über den Verlauf einer HIV-Infektion.
Den Betroffenen fiele es vermutlich sehr viel leichter, positive Zukunftsbilder
und eine optimistische Einstellung zu entwickeln, wenn diese Haltung durch
sachliche Information bestätigt und unterstützt würde.
Die Beobachtungen zum Wissensstand der Teilnehmer zeigten, daß psychoimmunologische
Erkenntnisse und ihre Bedeutung für den Umgang mit einer HIV-Infektion
in der allgemeinen Beratung bisher nicht aufgegriffen werden. Die Auseinandersetzung
mit den möglichen Folgen einer HIV Infektion oder Aids-Erkrankung
ist nicht nur für Betroffene, sondern für fast alle Menschen
in unserer Kultur emotional belastend.
Die (überwiegend) sexuelle Übertragung des Virus rührt
unterschwellige Ängste und Schuldgefühle an, die Krankheit wird
unwillkürlich mit Siechtum und Tod assoziiert. Die meisten Menschen
versuchen diesen Empfindungen zu entgehen, indem sie eine Auseinandersetzung
mit dem Thema meiden, Hinweise auf Präventivmaßnahmen ignorieren
oder ihre Angst und Ablehnung auf Betroffene projizieren. In der literarischen
Verarbeitung des Themas beeindruckt vor allem der Mangel an Information,
eine eher makabre «Angstlust», Ergebung vor der Macht des
Virus und die Verachtung des Körpers. Herve' Guibert (1991) beschrieb
in seinem vielbeachteten Schlüsselroman Symptome einer HIV-Infektion
folgendermaßen: «...es ist ein Zustand von Schwäche und
Ergebung, welcher dem Tier, das man in sich trug, den Käfig öffnet,
dem Tier, dem ich gezwungenermaßen unumschränkte Vollmacht
gebe, damit es mich verschlingt, daß ich mir lebendigen Leibes antun
lassen muß, was an meinem Leichnam zu tun es sich anschickte, um
ihn zu zersetzen.»
Zur Bewältigung individueller, aber auch kollektiver Ängste
und Vermeidungstendenzen sind neben klaren Informationen auch bestimmte
Einstellungen und Haltungen hilfreich. Die Erfahrungen der sieben HIV-Infizierten
zeigen jedenfalls, daß wir sowohl Wissen, Überlegung und Intuition
als auch Wohlwollen und Hilfsbereitschaft brauchen, um mit der körperlichen
und seelisch-geistigen Gefährdung durch die Infektion umgehen zu
lernen
Gebt AIDS - Kranken eine Chance!
Mein Name ist U. .......: ich bin 34 Jahre
alt, verheiratet, seit Abschluß meines 2. Staatsexamens vor 1 1/2
Jahren arbeitslos.
Vor 5 Jahren ließ ich einen HiV-Antikörper-Test durchführen,
der positiv ausfiel. Weder gehöre noch gehörte ich je einer
der sog. Risikogruppen (Drogenabhängige, Prostituierte etc.) an;
allerdings war meine Gesundheit schon immer sehr labil: bereits in meiner
Kindheit war ich oft und lange krank, seit meinem 18. Lebensjahr habe
ich einen chronischen Leberschaden (1991 als Hepatitis C diagnostiziert),
1990 hatte ich u.a. eine Pracaneerose und Herpes Zoster, 1991 Eppstein-Barr-Virus.
Bei meinem ersten Immunstatus im Oktober 1992 ergab sich ein starker Immundefekt:
die Zahl der T4-Helferzellen lag bei 140 cmm (Norm: 455-2145). Mein Arzt
sagte mir daraufhin eine Lebenserwartung von ca. 1-2 Jahren voraus. Von
Oktober 1992 bis Januar 1994 ließ ich mich schulmedizinisch mit
Retrovir (AZT) und Pentacarinat-Inhalationen behandeln, wobei sich mein
Allgemeinzustand zunehmend verschlechterte. (Auf meine Frage nach Nebenwirkungen
von Retrovir erklärte mir mein damaliger Arzt, es greife zwar das
Rückenmark stark an, aber das spiele bei mir keine Rolle mehr).
Im Januar 1994 erfuhr ich erstmals, daß eine wachsende Anzahl namhafter
Wissenschaftler die Gleichung ,,HiV=AIDS=Tod mit mir sehr einleuchtenden
Argumenten bestreitet. Ich setzte daraufhin sämtliche schulmedizinischen
Medikamente ab und bin seitdem bei einem Arzt für Naturheilkunde
und einer Heilpraktikerin in Behandlung. Letztere stellte u.a. eine starke
Schädigung durch Amalgam, eine -nach den Symptomen wohl schon seit
frühester Kindheit bestehende- verdeckte Allergie auf Milchprodukte
sowie diverse Mykosen fest.
Gleichzeitig begann ich verstärkt, mich mit den Ursachen meiner Immunschwäche
auseinanderzusetzen: da ich als Kind nie das Gefühl erlebt hatte,
wirklich geliebt und auf dieser Welt willkommen zu sein, fühlte ich
mich auch als Erwachsene meist fremd und lebensüberdrüssig (mehrere
Selbstmordversuche im Alter von 17 und 24 Jahren). Gegen den ausdrücklichen
Rat meines früheren Arztes begann ich im Februar 1994 mit einer 4-wöchigen
Intensiv-Primärtherapie nach Stettbacher (6 x wöchentlich 3
Stunden). Allerdings konnte ich dabei die gestörte Beziehung zu meinen
Eltern (und mir selbst) lediglich intellektuell, nicht aber emotional
verarbeiten. Auch eine Hypnotherapie war wenig erfolgreich, so daß
ich nach 12 Sitzungen zu einem Bioenergetik-Therapeuten wechselte (Oktober
1994).
Die Theorie dieser Methode scheint mir zwar
nach wie vor einleuchtend; auch in dieser Therapie habe ich jedoch noch
keine nennenswerten Fortschritte zu verzeichnen. Gleichermaßen stagniert
die naturheilkundliche Therapie: Amalgam und Allergie sind zwar ausgeleitet,
v.a. lebe ich (entgegen der schulmedizinischen Prognose) noch, aber ich
leide weiterhin unter Mykosen und einem geschwächten Allgemeinzustand
und mein Immunstatus hat sich im Wesentlichen nicht verändert.
Meine Erklärung hierfür ist, daß die Ursachen für
meinen Immundefekt weiterhin fortbestehen. Ich habe mich in den letzten
Jahren zwar sehr bemüht, zu überleben, aber dies war eher eine
Art Trotzreaktion auf die schulmedizinische Diagnose, denn wirkliche Lust
zu leben.
Vor ca. 2 Monaten lernte ich über meine Heilpraktikerin eine MS Patientin
kennen, die mir von ihrer Synergetik-Therapie erzählte. Ihre Aussagen
sowie ein Vortrag von Bernd Joschko, den ich kurz darauf hörte, gaben
mir neue Hoffnung, mit Hilfe dieser Methode die meiner Krankheit zugrunde
liegenden Probleme und damit die Krankheit selbst überwinden zu können.
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